Von Lungden zu den Twin Lakes

14.10.2007, Übernachtung in Rhermo Tso, 4918 Meter

Der Tag begann wie der gestrige aufgehört hatte: kalt und neblig. Im Zelt war alles klamm und feucht, besonders der Schlafsack ums Gesicht herum (vermutlich sollte man beim Zelten nachts das Atmen einstellen), und es wurde schwieriger den Sack in den Sack zu stopfen (was besonders den besten Allgäuer von Allen, der Packen ganz besonders liebt, hin und wieder zur Weissglut brachte).

Draussen sah alles trist und traurig aus. Die Träger, die zum Teil bereits mit unserem Gepäck abmarschierten, während wir uns erst zum Frühstück begaben, waren im Nebel bald kaum mehr zu sehen. Beim Frühstück war es ungemütlich und ich hatte kalte Füsse, was ziemlich ungewöhnlich ist für mich. In der Früh läuft mein Kreislauf normalerweise auf Hochtouren und alle Extremitäten sind warm.

Morgens, trist grau und neblig
Morgens, trist grau und neblig

Es war natürlich nicht hilfreich, dass grad alles kühl und klamm war, aber das eigentliche Problem war mein Problem mit der Höhe, die dazu führte, dass sich nachts in meinem Körper Wasser ansammelte. Überall. Im Gesicht sah man das am allerdeutlichsten (der beste Allgäuer von Allen machte sich schon Sorgen und Maxi schaute mich in der Früh immer ganz mitleidig an), aber auch sonst sammelte sich Wasser, in den Gelenken, in den Händen, in den Füssen.

Beim Aufwachen war ich dazu über gegangen, erst mal Finger-Gymnastik zu machen damit die Hände wieder beweglich wurden und abschwollen. Gegen geschwollene Füsse half nichts als loslaufen, aber das war natürlich erst nach dem Frühstück möglich. Wegen der angeschwollenen Füsse waren die Schuhe in der Früh zu eng und das führte unweigerlich dazu, dass ich kalte Füsse bekam. Blöd, aber nicht zu ändern.

Abgesehen davon dass ich noch langsamer war als sonst, hatte die Höhe bisher kaum Auswirkungen. Klar, die Sache mit dem Anschwellen, aber das behinderte mich nicht. Nach dem Tarnga Peak hatte ich ein wenig Druck auf dem Kopf, der war ziemlich schnell wieder weg. Und ein wenig Husten, so ein trockener Husten ohne schleim. Das war zwar lästig, aber nicht weiter schlimm. Alles in Allem ging es mir viel viel besser als ich befürchtet hatte. Was sind da schon kalte Füsse und ein bisserl Husten?

Nach dem Frühstück stapften wir langsam den Trägern nach. Es ging auf einem gut erkennbaren Pfad (im Gegensatz zu den 'ausgebauten Wegen' bisher) einen grasigen Hang empor, auf dem noch vereinzelt wacholderartiges Gebüsch herumstand, an dem man die Nachttemperaturen ganz gut ablesen konnte: an den nackten Zweigen hatte sich eine (wunderschöne) zarte Schicht Eis abgesetzt.

Zarte Eisfahnen an einem Krüppelwacholder
Zarte Eisfahnen an einem Krüppelwacholder

Von der Landschaft war nicht viel zu erkennen, der braune Grashang vor uns unter uns und neben uns, sonst alles weiss. Nach einer Weile gingen die Büsche aus, dafür gab es Felsen hier und da und der Hang wurde flacher. Und - Wunder über Wunder - über uns lichtete sich der Nebel.

Nebel, aber - man glaubt es kaum - ...
Nebel, aber - man glaubt es kaum - ...

Wir mussten nur wenige Meter weiter gehen, dann wurde es flach, und hell und ... sonnig! Naja, mehr oder weniger, wir standen genau am oberen Rand der Wolken, mal nebelte es mehr, mal weniger. Wir befanden uns am Rand einer sandigen Ebene mit einem kleinen See in der Sonne und sahen wieder Landschaft. Rechts der Machhermo Peak, vor uns der Weg den nächsten Getschertrog hinauf zu den Twin Lakes. Und dahinter - noch nicht zu sehen - der Renjo La, der erste Pass, höher als unser erster Berg.

... der Nebel hebt sich :-)
... der Nebel hebt sich :-)

Nachdem wir uns eine Weile an der Sonne und beinahe-Sonne und der Landschaft gefreut hatten, gingen wir weiter. Bis zu den beiden Seen (Rhermo Tsho) war noch eine knappe Stunde zu gehen. Es war rundrum angenehmes Gehen, in der Sonne wurde es schnell warm und um uns herum lag eine grossartige Landschaft.

Das Küchenteam war natürlich bereits am Lager angekommen und es gab schon Tee. Der Lagerplatz an den Twin Lakes ist von einer niedrigen Steinmauer umgeben, die ganz angenehm war, denn es wehte ein kühler Wind. Hatte man aber mal ein Plätzchen ohne Wind in der Sonne gefunden, war es gemütlich und warm.

Das Lager an den Twin Lakes
Das Lager an den Twin Lakes

Während wir in der Sonne Tee tranken, bauten die Sherpa unsere Zelte auf. Die Träger richteten sich knapp oberhalb des Lagerplatzes unter einem grossen Felsen ein, vor dem eine Mauer aus groben Steinen stand. Wirklich erstaunlich, wie die das aushalten konnten. Bevor es Essen gab, hatten wir gerade noch Zeit, die Schlafsäcke zwecks Trocknung auf den Zelten auszubreiten. Feine Sache, vielleicht waren die Säcke dann nicht ganz so klamm beim Reinschlüpfen heute Abend.

Die Träger übernachten unter einem grossen Stein
Die Träger übernachten unter einem grossen Stein

Nach dem Mittagessen, hatten wir eine gute Stunde lang Zeit. Ralle und ich beschlossen, diese Stunde noch mal zum Sockenwaschen zu nutzen. Man muss jede Gelegenheit nutzen, wer weiss schon wann die nächste kommt.

Wir spazierten also zu den beiden flachen Seen hinunter, mit frischen Socken und Waschzeug in den Taschen und den zu waschenden Socken an den Füssen. Wir dachten, es würde den Füssen gut tun, ein wenig kaltes Wasser zu spüren. Aber das Wasser war gar nicht kalt. Der obere See war so flach, 10 cm etwa, dass die Sonne es tatsächlich schaffte, das Wasser zu erwärmen. Feine Sache, wir stapften eine ganze Weile im See und am Ufer herum und genossen die Abwechslung.

Bald danach ging es los auf den Vorgipfel des Drakgya Chulung, unseren nächsten Fünftausender. Anfangs stiegen wir steil und nahezu weglos über Gras auf den Grat in dem unser Gipfel(chen) lag empor. Dort folgten wir dem Gratrücken. Heute fiel mir das Steigen schwerer als gestern, aber ich war fest entschlossen, so weit wie möglich zu gehen. Als Minimalziel setzte ich mir einen markanten Felsen, der beinahe aussah wie Pilz, am oberen Ende des sichtbaren Grates. Bis dahin mindestens, schwor ich mir.

Blick vom Aufstiegsgrat auf den 'Fischsee'
Blick vom Aufstiegsgrat auf den 'Fischsee'

Als wir dann an diesem Felsen ankamen, sah ich aber, dass es bis zum Gipfel nur noch wenige Meter waren. Geschafft! 5308 Meter, höchster Punkt ever! Bis dahin natürlich, das würden wir noch ein paar mal sagen können :-)

Am Gipfel!
Am Gipfel!

Wir machten Fotos von uns. Von der Umgebung leider weniger, denn die Wolken waren mit uns aufgestiegen und wir standen mal wieder mitten drin. Hin und wieder gab es Wolkenlücken, durch die wir abwechselnd nach unten oder auf die umgebenden Berge gucken konnten, aber im Grossen und Ganzen war es wieder weiss um uns herum. Immerhin war es nur mässig kalt, man konnte es gut aushalten da oben .

Tiefblick auf die Twin Lakes mit dem Lager
Tiefblick auf die Twin Lakes mit dem Lager

Die Anderen stiegen bald wieder ab, Ralle und ich wollten unseren bis dato höchsten Punkt noch ein wenig geniessen, wir blieben oben, bis Dani und Mario (der meist mit einer Engelsgeduld mit Dani mitging) auch oben waren und stiegen dann langsam ab.

An diesem Abend erinnerte ich mich an Mutters guten Rat und nutzte meine Aluflasche ... als Wärmflasche. Mit heissem Wasser gefüllt machte sie das in-den-Schafsack-Schlüpfen gleich um Welten angenehmer. Denn so warm der Schlafsack auch ist, die Füsse wurden frühestens nach dem ersten Teestop (etwa anderthalb Stunden nach dem Schlafengehen) warm. Bei den vom Essenszelt eingefrorenen Füssen wirkte die 'Wärmflasche' wahre Wunder :-)

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