Campadewi

06.10.2007, Übernachtung in Haatiban, 1791 Meter

Zum Frühstück gab es ein Buffet auf dem alles aufgebaut war, was europäische Mägen - kontinentale wie britsche - mögen, Cornflakes, Müsli, Toast, Eier, Speck. Nach dem Frühstück sollte Dr. Dingsda, der nepalesische Vertreter des DAV Summit Club, kommen und uns mit einem Vortrag auf Nepal einstimmen, doch der Doktor hatte Verspätung. Wir vertrieben uns die Zeit mit Geldwechseln (Rupies für's Hinterland) und auf der Terrasse des Hotels von wo man einen tollen wenn auch ziemlich diesigen Blick über das Tal von Kathmandu hatte.

Als der Doktor dann ankam, hielt er uns (und einer anderen SummitClub Gruppe, die ebenfalls im Haatiban übernachtete) einen kurzen und interessanten Vortrag über die politische Situation in Nepal und wie sich die Menschen mit der ungewissen Situation zur Zeit fühlten.

Blick vom Haatiban zum Campadewi.
Blick vom Haatiban zum Campadewi.

Dann waren wir 'entlassen' und machten uns auf den Weg zu unserem ersten nepalischen Berg, dem Campadewi. Schon am Vorabend hatte uns Edu vor 'Litschis' gewarnt, die zur Zeit aktiv sein könnten da es vor nicht allzu langer Zeit geregnet hatte. Jetzt wiederholte er die Warnung und empfahl lange Hosen anzuziehen. Litschis, hatte er erklärt, sind Blutegel, die im feuchten Gras auf Opfer warten. Sie seien klein und zäh, könnten aber ganz schön gross werden, wenn sie mal Blut gesaugt hätten. Und man würde nicht merken, wenn sie andocken. Interessant, ich hoffte, dass wir wenigstens einen dieser Litschis zu Gesicht bekommen würden.

Blick hinunter auf Kathmandu
Blick hinunter auf Kathmandu

Wir spazierten langsam und gemütlich los, erst mal über unglaublich rutschigen Boden durch lichten Nadelwald, später durch Büsche und kleine grasige Lichtungen und an einer gebetsfahnengeschmückten buddhistischen Kultstätte vorbei. Im Grossen und Ganzen verlief der gesamte Aufstieg zum Campadewi auf dem Gratrücken des Berges, auf dem auch das Berghotel Haatiban stand. Links sah man hin und wieder ins hügelige Hinterland von Kathmandu, kleine Dörfer von Feldern umgeben, rechts war das grosse Tal von Kathmandu, dahinter weitere Hügel. Alles sehr ländlich und 'harmlos'. Dass noch weiter hinten die Eisriesen des Himalaya stehen sollten, war kaum zu glauben.

Ländliche Gegend im Hinterland von Kathmandu.
Ländliche Gegend im Hinterland von Kathmandu.

Soviel ich auch guckte, ich fand keine Litschis. Bei der ersten Pause sagten einige, dass sie einen gesehen hätten und ich war enttäuscht. Dann aber fand Edu im feuchten Gras einen der Egel und zeigte ihn uns. Ein kleiner dünner Wurm, der sich mit einem Ende an einen Grashalm geheftet hatte und mit dem anderen blind durch die Gegend wedelte. Sobald er etwas fände, würde er sich sofort daran festsaugen, dann unter der Kleidung so lange weiter wandern, bis er eine geeignete Stelle erreicht hätte, erklärte Edu.

Tatsächlich, die Dinger docken überall an, stellte ich fest und wollte Edeltraud einen Litschi vom T-Shirt zupfen. Der Egel war unglaublich glitschig und hielt sich mit aller Gewalt fest. Als ich ihn dann endlich vom T-Shirt weg hatte, saugte er sich umgehend an meinem Daumen fest. Und dann an der anderen Hand. Und noch mal. Es dauert eine Weile, bis ich das Tier los war.

Litschi auf Edus Daumen
Litschi auf Edus Daumen
Bild von Dani

Mit einigen Pausen stiegen wir zum Gipfel empor. Oben befand sich eine hinduistische Kultstätte, nebenan ganz pragmatisch ein überdachter Picknickplatz. Nach kurzer Abstimmung war klar, dass wir nicht denselben Weg zurück gehen wollten und so stiegen wir 'hintenrum' über die Flanke des Campadewi ab und kehrten dann auf den Aufstiegsweg zurück.

Schon beim Aufstieg hatten wir hin und wieder ein paar Litschis gesehen. Mario, der mit Sandalen unterwegs war, sammelte bei jeder Pause welche von seinen Socken. Der Abstieg auf dem schmalen seltener begangenen Weg mit dem vielen Gebüsch und Gras verschärfte das Problem. Die Egel warteten überall. Wo immer wir anhielten, suchte jeder sofort seine Schuhe und Beine ab. Und wurde üblicherweise auch fündig.

Litschi-Suchen.
Litschi-Suchen.

Ich sammelte diverse Litschis von meinen Socken, die es tatsächlich geschafft hatten, mich durch den Bergsocken hindurch anzusaugen. Bei keinem einzigen hatte irgendwas gemerkt. Dann merkte ich, dass mein rechtes Hosenbein irgendwie feucht zu sein schien. Rot und feucht. Der Übertäter hatte sich aber schon fallen lassen, dafür blutete die winzige Wunde wie blöd und musste verpflastert werden.

Kurz nachdem wir auf unseren Aufstiegsweg gekommen waren, bogen wir auch schon wieder davon ab, um auf einem schmalen teils sehr überwachsenen Pfad zu einem kleinen buddhistischen Kloster zu gehen, das in der Nähe des Haatiban stand. Unnötig zu erwähnen, dass wir auch hier jede Pause zum Litschi-Suchen verwendeten.

Das Kloster ist von einer hohen Mauer mit einem sehr schön verzierten Tor umgeben. Die Mauer ist - ob zur Abschreckung von Eindringlingen oder um die Mönchen von unerlaubten Ausflügen abzuhalten ist schwer zu sagen - mit aufgestellten Glasscherben 'verziert'. Auffällig war, dass die 'Zierde' an der einzigen Stelle, die tatsächlich überkletterbar war, entfernt worden war.

Eingang zum Tempel
Eingang zum Tempel

Das Kloster war verlassen (alle Mönchen waren in Kathmandu), doch der junger Mönch, der die Stellung halten musste, sperrte den Tempel für uns auf.

Nachdem wir die Schuhe ausgezogen hatten durften wir eintreten, uns umschauen und zu unserem Erstaunen nach Herzenslust fotografieren. Das Innere des Tempels war vor allem irrsinnig bunt und voll. Um etwas mit dem Tempel anfangen zu können, hätte man wohl viel mehr über Buddhismus wissen müssen, so war der Eindruck einfach nur überwältigend.

Das bunte Innere des Tempels
Das bunte Innere des Tempels

Nach der Besichtigung sassen wir noch eine Weile im kühlen Innenhof herum und man sollte es nicht glauben, ich zupfte einen weiteren Litschi von meinem Knöchel. Der Egel war schon ziemlich vollgesogen und erbrach mein Blut als ich ihn ein wenig drückte. Blödes Vieh!

Pause im Innenhof des Tempels
Pause im Innenhof des Tempels

Zum Hotel war es nicht mehr weit. Auf dem Weg dorthin entdeckte ich, dass mich ein weiterer Egel angesaugt hatte, jetzt war auch das linke Hosenbein rot und nass. Auch dieser Litschi hatte sich schon aus dem Stab gemacht. Na toll, kaum da schon die Hose versaut.

Folgen der Litschi-Angriffe
Folgen der Litschi-Angriffe

Als wir am Hotel ankamen, wurde das weitere Vorgehen besprochen. Das Nachmittagsprogramm sah die Besichtigung eines hinduistischen Heiligtums vor. Die Stunde Pause verbrachte ich damit, die Blutung der diversen Litschi-Bisse zu stillen. Die Viecher haben ein derart potentes Anti-Gerinnungsmittel in der Spucke (oder wo auch immer), dass es über eine Stunde dauerte, bis die Blutung so weit nach liess, dass die Pflaster nicht gleich wieder weggeschwemmt wurden. Nicht mal der bewährte Trick mit Tabak die Blutung zu stillen half nennenswert. Kurz vor der Abfahrt hatte die Blutung aber so weit nachgelassen, dass ich die 3 schlimmsten Bisse mit einem Pflaster versehen konnte.

Als wir uns vor dem Hotel trafen, mussten wir feststellen, dass die andere Gruppe uns bei der Bestellung der Jeeps zuvor gekommen war. Wir überlegten nicht lang. Während die anderen sich in die beiden Jeeps falteten, machten wir uns zu Fuss auf den Weg zum Busparkplatz an der Strasse.

Ein guter Teil des Weges verlief an der Strasse, teilweise konnte man einzelne Kehren auf einem Fusspfad abkürzen. Aber nicht jede Abkürzung verdiente diese Bezeichnung. Wir waren so eifrig beim Absteigen und Fusspfad-Abkürzung-Nehmen, dass wir Mingmas entscheidenden Hinweis überhörten und zu weit abstiegen anstatt der Strasse zu folgen. Getreu dem Grundsatz, dass wer umdreht verliert, versuchten wir die bereits abgestiegenen Höhenmeter durch wegloses Queren nicht zu verschenken. Vergeblich. Die einen stiegen früher zur Strasse zurück, die anderen später, aber zur Strasse kamen alle, es war kein vernünftiges Durchkommen. Beim Absteigen auf den engen Kehren der Schotterstrasse wussten wir die Fahrkünste der beiden Jeepfahrer noch mal zu schätzen.

Unten stiegen wir in den Bus und liessen uns durch viele kleine Dörfer zum hinduistischen Heiligtum von Pharping fahren. Zum Tempel musste man ein kleines Stück zum Flüsschen hinunter laufen, an vielen Ständen beiderseits der Strasse entlang, wo Händler alles Denkbare verkauften, Souveniers, Tand, Gemüse, Früchte, Gewürze und zwischendrin Tempel-Utensilien, vor allem Gelbes und Rotes und viele viele leuchten bunte Pulver. Kurz bevor wir das Heiligtum erreichten, erscholl von links unten laute Musik, so was wie asiatischer Rock und zwischendrin aktuelle internationale Musik. Es schien die lokale Disko zu sein, die Musik kam aus einem Ghetto-Blaster, junge Nepalis tanzten, andere standen drum herum, klatschen oder unterhielten sich, viele viele Roller standen umher.

Wir gingen ein paar Schritte weiter zum Heiligtum, schlichen uns auf der steilen Treppe zum Fluss hinunter an einem von Lepra gezeichneten Bettler vorbei und standen im/am Heiligtum, das direkt an einem kleinen Fluss lag. Links befanden sich rechteckige Betonquader, die wohl zur Leichenverbrennung dienten, rechts und auf der anderen Flussseite standen mehrere Tempel. Überall war rote, gelbe und orangene Farbe zu sehen, Pulver das zu irgendeinem religiösen Zweck benötigt worden war und dann eben dort verblieben war, wo es benötigt worden war. Der ganze Komplex sah dadurch ein wenig scheckig aus.

Der hinduistische Tempel von Pharping
Der hinduistische Tempel von Pharping

Und schmuddelig irgendwie, aber das muss mein Europäer-Auge gewesen sein, die anwesenden Nepali widmeten sich mit Hingabe ihrem Tun und schienen nichts zu bemerken. Bevor sie das innerste Heiligtum betraten, zogen sie die Schuhe aus und wuschen ihre Füsse im Fluss, was aber ausschliesslich symbolische Bedeutung haben konnte, denn der kleine Fluss war ausnehmend dreckig.

Das Innerste des Tempels
Das Innerste des Tempels

Wir blieben eine Weile, hörten dem seltsamen Gedudel einer 3-Männer-Band zu, die kurz nach unserer Ankunft angefangen hatten zu singen und komische Instrumente zu spielen, liefen an einer langen Reihe Glocken vorbei und gingen schliesslich wieder. Ich hatte das Gefühl, eben einen Besuch auf einem völlig fremden Planeten absolviert gehabt zu haben, hatte nichts verstanden, kam mir komplett deplaziert vor und mir blieb ein deutliches Gefühl von Unbehagen, das aber eher von den Bettlern kam, die mein sozialstaat-verwöhntes Hirn kaum zu fassen vermochte. Lepra. So arm. So leere Augen.

Auf dem Weg zurück zum Bus kamen wir an einer kleinen Gruppe Saddhus vorbei, die ganz offensichtlich Spass hatten. Sie sassen locker beisammen und lachten, ein paar Männer und eine Frau mit ewig langen verfilzten Haaren, in gelbe und Rote Gewänder gehüllt, aus denen dünne braune Arme ragten. Dani tat das, was wir wohl alle gern gemacht hätten, uns aber nicht so recht trauten: Sie fotografierte die Gruppe, nachdem sie gefragt hatte natürlich. Und dann sauste sie noch mal zurück und 'bezahlte' das Foto mit 100 Rupies.

Saddhus vor Pharping
Saddhus vor Pharping
Bild von Dani

Der restliche Abend verlief wie der vorige, feines Buffet, ein wenig Organisatorisches wegen des mitzunehmenden und des dazulassenden Gepäcks, Everest Bier, Packen und Umpacken (schwere Sachen anziehen, alles Problematische aus dem Handgepäck, usw.) und dann Bett.

Abendstimmung über dem Kathmandutal
Abendstimmung über dem Kathmandutal

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