Von Namche Bazar nach Mende

10.10.2007, Übernachtung in Mende, 3740 Meter

Diesmal hiess es in der Früh wieder Schlafsack stopfen und Taschen packen, es ging wieder weiter. Das Programm hätte für heute einen Umweg über Khumjung und Khunde vorgesehen, da wir aber gestern schon da oben waren, verzichteten wir darauf, noch mal hin zu gehen. Stattdessen hatte Mingma als Alternative einen Besuch im Sagarmatha Nationalpark Museum vorgeschlagen.

Aufbruch vom Lager über Namche Bazar, im Hintergrund der Hügel mit dem Nationalpark-Museum
Aufbruch vom Lager über Namche Bazar, im Hintergrund der Hügel mit dem Nationalpark-Museum

Im Prinzip campierten wir sowieso mehr oder weniger vor dem Eingang, so war der kleine Ausflug eine Sache von 10 Minuten. Die nepalesische Armee hatte (vermutlich wegen der Maoisten) den strategisch günstigen Hügel über Namche Bazar besetzt, auf dem sich das Museum befindet, daher mussten wir vor dem Zugang zum Museum erst mal durch das Militär-Lager, wo Fotografieren strengstens verboten war. Am Museum durfte man dann wieder.

Das Sagarmatha-National-Park-Museum
Das Sagarmatha-National-Park-Museum

Das Museum ist zwar klein, aber ganz nett. Neben Informationen über Land und Leute - Geographie, Geologie, Flora, Fauna, Sitten & Gebräuche (interessant: bei den Sherpa wird erst nach dem ersten Kind geheiratet) – wird natürlich auch ein wenig die Geschichte des Bergsteigens im Himalaya behandelt. Alles ist mit schönen alten und neuen Fotos hinterlegt, dabei sind natürlich auch ein paar der ganz berühmten Bilder dabei, zum Beispiel Edmund Hillary und Tenzing Norgay beim Tee nach der Besteigung des Everest.

Hillary und Norgay nach der Everest-Besteigung
Hillary und Norgay nach der Everest-Besteigung

Nach der Besichtigung machten wir uns gemächlich auf den Weg ins Thame-Tal. Wie gestern hatte sich der Nebel wieder gehoben, so dass wir in der 'schönsten' dicken Suppe marschierten. Theoretisch hätten wir wunderbare Blicke auf die Nordabbrüche den Kongde Ri haben sollen und eine tollen Ausblick ins Thame-Tal, praktisch sahen wir grad mal 20 Meter weit. Immerhin liess sich erahnen, dass der Weg sehr schön sein muss, durch lichten herbstlichen Wald und entlang einem tiefen steilen Tal.

Wandern im Nebel ins Thame-Tal
Wandern im Nebel ins Thame-Tal

Wir kamen durch einige Dörfer, wo wir uns jeweils wieder sammelten. Edus lockere Handhabung der Führung hiess auch, dass wir alle in unserem eigenen Tempo gehen konnten, fotografieren wann und wo wir wollten und so viel trödeln konnten wie uns grad einfiel. In einem der Dörfer hingen Plakate aus, auf denen in kleinen Piktogrammen erklärt wurde, wie gewählt werden sollte. Eigentlich hatte die Wahl ja im November stattfinden sollte, aber sie war – zu Mingmas grossem Ärger – auf unbestimmte Zeit verschoben worden.

Nachdem wir ein ganzes Stück weit ins Thame-Tal hinein gelaufen waren, bogen wir bei Thamo vom Hauptweg ab und stiegen steil eine Geländerippe und danach einen Hang voller Rhododendren hinauf. In der Mitte des Hanges trafen wir auf eine Gruppe unserer Träger, die an einer Raststelle Pause machten.

Träger-Pause kurz vor Mende
Träger-Pause kurz vor Mende

Diese Raststellen finden sich in unregelmässigen Abständen auf allen Wegen. Das sind die einzigen Stellen, wo die Träger ihre Lasten abstellen können um wirklich Pause machen zu können. Unterwegs klemmen sie nur einen Stock unter die Last um sich kurz mal zu entlasten.

An den Raststellen hat es in genau der richtigen Höhe für die Träger einen Absatz, wo die Lasten abgestellt und wieder aufgenommen werden können, ohne dass die Männer dafür in die Knie gehen und mühsam aufstehen müssen.

Träger-Raststelle mit abgestelltem Gepäck
Träger-Raststelle mit abgestelltem Gepäck

Wir machten ebenfalls kurz Pause und während die Sherpa mit den Trägern scherzten, versuchte sich Edu zur grossen Freude Aller (sowohl Träger als auch Gruppe) an einer Trägerlast.

Edu testet eine Trägerlast
Edu testet eine Trägerlast

Es fiel ihm sichtlich schwer für die von Allen sofort gezückten Kameras still zu halten, wobei eines der Probleme sicherlich auch die ungünstige Gewichtsverteilung ist. Da die Lasten alle so weit oben getragen werden, liegt der Schwerpunkt recht weit oben. Und das Tragen mit dem Kopf will sicherlich auch geübt werden.

Kurz darauf kamen wir nach Mende, wo das Küchenteam vor einer nigelnagelneuen Lodge bereits mit dem Kochen angefangen hatten.

Die Komfort-Lodge von Mende
Die Komfort-Lodge von Mende

Für uns hatten sie die blaue Plane direkt neben dem Hubschrauberlandeplatz ausgelegt, die Sonne kam gerade raus und der Tee war bereits fertig. Wir konnten gemütlich auf das Mittagessen warten.

Mittag-Rast am Hubschrauber-Landeplatz
Mittag-Rast am Hubschrauber-Landeplatz

Nach und nach trudelten die Träger und die Yaks mit dem Gepäck ein. Alle liessen sich erst mal in der Sonne nieder, einer der Träger spielte auf einer selbstgebastelten Flöte aus einem alten Bergstock, andere 'duschten' kurz mit dem eisigen Wasser, das aus einem Schlauch an der Mauer der Lodge kam und die Kinder von Mende beobachteten uns neugierig. Die reinste Idylle :-)

Die Träger beim Musizieren
Die Träger beim Musizieren
Bild von Edu

Nach dem Mittagessen hatten die Sherpa dann bereits die Zelte aufgestellt und wir konnten einziehen. Nach einer Pause wollte Edu uns den Certec-Bag, den Überdrucksack, vorführen, bis dahin hatten wir 'frei'.

Feierabend für die Träger in Mende
Feierabend für die Träger in Mende

Die neue Lodge neben der wir campierten bot auch heisse Duschen an. Für 200 Rupies wurde man in eines der Zimmer geführt und konnte dort das Bad benutzen. Einige nutzen die Mittagspause bereits zum Duschen, Ralle und ich beschlossen, das nach dem Ausflug zur Gompa über Mende zu machen.

Die Kinder beobachten uns ...
Die Kinder beobachten uns ...

Mingma hatte schon seit dem Campadewi immer wieder mal über Schmerzen im Bein geklagt, Wasser im Bein, Spätfolgen einer Operation, wenn ich das richtig verstanden habe. Maxi, Physiotherapeutin, nahm sich in der Pause Zeit für Mingma und machte eine Lymphdrainage, die erste einer ganzen Reihe, die Mingma Erleichterung brachten. Edu und André, der Doc, inspizierten unterdessen die Medikamentenkiste.

... wenn auch ein wenig verlegen
... wenn auch ein wenig verlegen

Ralle setzte sich in die Sonne, um dort an seinem Bericht zu schreiben. Es dauerte nicht lang, bis die kleineren Kinder neugierig zu ihm kamen. Einer der Jungs war ganz besonders mutig und fing sogar eine Unterhaltung an. Auf Englisch. Die beiden tauschten Zahlen und Wörter aus, der Bericht kam allerdings nicht weiter.

Ein Junge schliesst Freundschaft mit dem besten Allgäuer von Allen
Ein Junge schliesst Freundschaft mit dem besten Allgäuer von Allen

Als es daran ging, den Überdrucksack zu zeigen, brauchte Edu einen Freiwilligen. Ich war schon drauf und dran mich zu melden, als der Mann an meiner Seite sich schon zur Verfügung stellte. Tja, Pech, zu langsam! Der beste Allgäuer von Allen wurde mit einem Instrument zum Messen der Sauerstoffsättigung im Blut (das Gerhard dabei hatte) und einem Höhenmesser ausgestattet und durfte sich dann in den Sack legen. Vorher wurde seine Blutsauerstoff-Sättigung gemessen: 84%.

Ralle steigt in den Sack
Ralle steigt in den Sack

Der Sack ist lang genug für normal gebaute Männer und wird mit einem luftdichten Reissverschluss verschlossen, über dem Gesicht befindet sich eine Art Fenster. An den Sack wird eine Pumpe angeschlossen, mit der konstant gepumpt werden muss, so lange sich jemand darin befindet, damit der mit frischer Luft versorgt wird. Neben dem Pumpenanschluss befindet sich ein Überdruck-Vertil, das dafür sorgt, dass der Druck im Sack immer gleich bleibt.

Das Prinzip ist, im Sack einen höheren Luftdruck als aussen aufzubauen, um so eine niedrigere Höhenlage zu simulieren. Das ist lediglich als Notfallmassnahme für einen Höhenkranken zu verstehen. Wer so höhenkrank ist, dass er in den Sack muss, muss so schnell wie möglich absteigen, sonst besteht durchaus die Gefahr zu sterben. Messgerät und Höhenmesser sollten uns zeigen, wie der erhöhte Luftdruck im Sack wirkt.

Der Überdrucksack ist fast voll
Der Überdrucksack ist fast voll
Bild von Ludwig

Es dauerte eine Weile, bis der Sack so prall gefüllt war, dass das Überdruckventil anfing zu zischen. Dann war der Sack richtig hart, draufklopfen sollte man aber nicht, innen ist es dann ziemlich laut, etwa so wie in einer Trommel. Ralles Höhenmesser zeigte jetzt etwa 1500 Meter weniger an und seine Blutsauerstoff-Sättigung lag bei 95%. Eine deutliche Veränderung.

Dann wurde die Luft wieder aus dem Sack gelassen. Langsam, damit sich der Organismus wieder an den Sauerstoffmangel gewöhnen kann. Nachdem der Ralle wieder draussen war, waren wir natürlich alle an dem Blutsauerstoffsättigungsmessgerät interessiert. Das war ein 'richtiges’ medizinisches Gerät, das der Gerhard extra für diese Reise gekauft hatte (leider zu teuer als Spielzeug für mich). Man steckt es auf einen Finger und dann misst es (keine Ahnung wie aber ohne Pieksen) die Sauerstoff-Sättigung im Blut.

Alle massen wir unseren Sauerstoffgehalt im Blut und alle lagen wir zwischen 82% und 84%. Dani, die sich beim Aufstieg nach Mende schwerer getan hatte als wir anderen, lag bei 78%. Gerhard winkte das Teenager-Mädchen unter den Mende-Kindern herbei und mass deren Sauerstoffgehalt: 85%.

Das deckte sich mit Gerhards Basis-Wissen, das er uns gleich erklärte: Die Blutsauerstoffsättigung für eine bestimmte Höhe sollte nur minimal um einen Richtwert schwanken. Eine deutliche Abweichung nach unten ist eines der Alarmzeichen für Höhenkrankheit. Die mangelnde Sauerstoffsättigung gleicht der Körper durch eine vermehrte Anzahl von roten Blutkörperchen aus, um genügend Sauerstoff zu Hirn und Muskeln transportieren zu können.

Danach machten wir uns auf den Akklimatisations-Ausflug zur Gompa über Mende. Dani, die sich schon beim Aufstieg nach Mende nicht gut gefühlt hatte (was bestimmt auch daran gelegen hatte, dass sie aus Angst vor dem Wind einfach viel zu viel angezogen hatte), wollte zunächst nicht mit, wir überredeten sie dann aber doch zu dem Aufstieg (schwer war es nicht). Höher steigen als man schläft wird überall zur Höhenanpassung empfohlen.

Der Aufstieg zur Gompa über Mende war nicht allzu lang, nach etwa einer guten halben Stunde kamen wir zum Kloster, an dessen Eingang gerade die Manisteine angemalt wurden (nur dort wo Touristen vorbei kommen, werden die Manisteine hübsch bemalt).

Lalu und Nawang organisierten einen Mönch, der uns den Tempel aufsperrte und dann durften wir hinein. Fotografieren war auch hier erlaubt und so verschossen wir unzählige Bilder. Wie in dem kleinen Kloster beim Haatiban war auch hier alles unglaublich farbig und bunt, im Gegensatz zu dem hinduistischen Heiligtum aber erschien alles schön sauber.

Das Innere der Gompa von Mende
Das Innere der Gompa von Mende

Ein aufgeschlagenes Buch
Ein aufgeschlagenes Buch

Der Dalai Lama
Der Dalai Lama

Neben dem Tempel gab es auch eine riesige Gebetmühle, die wir drehen durften. Dazu war es notwendig im Inneren des Gebetsmühlen-Häuschens mit und um die Mühle herum zu laufen, linksrum natürlich, was mit Rucksack furchtbar eng war. Mönche sind offensichtlich nicht dick. Wichtig ist, dass man eine ungerade Anzahl Umdrehungen macht, erklärte Lalu.

Die grosse Gebetsmühle
Die grosse Gebetsmühle

Für Lalu und Nawang war der Tag damit gelaufen, die hatten ihre Pflicht getan und uns zur Gompa begleitet. Dani stieg mit den beiden zum Lager ab. Wir anderen wollten aber unbedingt noch auf 4000 Meter kommen und stiegen den nächstbesten Pfad hinter dem Kloster empor.

Ab hier verzweigten sich die Wege und die Gruppe verteilte sich. Ralle stieg vorne weg und ein Teil folgte ihm, Edu und ein paar Andere klärten noch irgendwas mit Lalu und Nawang und stiegen dann auf völlig anderen Pfaden empor.

Wir fanden zunächst den Weg zu einer kleinen Stupa knapp oberhalb des Klosters. Dort war der Weg aus, zu den 4000 fehlten aber noch etwa 100 Meter. Wir liefen wieder zurück zum Kloster. Gerhard, Maxi, Ludwig und Edeltraud stiegen den nächsten erkennbaren Pfad empor, Ralle, André, Werner und ich gingen noch weiter zurück zum Kloster. Werner und André stiegen direkt zu den Duschen ab, Ralle und ich folgten einem ziemlich deutlichen Pfad nach oben. 150 Höhenmeter waren zu bewältigen.

Der Pfad wurde schnell schmaler und verlief sich, wir fanden jedoch bald einen neuen Pfad, der auch bald schmaler wurde. Wir folgten einem weiteren Pfad, immer nach oben, wobei wir uns zwischendurch immer wieder mal durch Gestrüpp wursteln mussten. Alles in allem nicht allzu schwierig oder schwer zu gehen, aber der Nebel machte uns zu schaffen. Die Sicht betrug grad mal 50 Meter, so dass alles rund um uns rum bald sehr gleich aussah.

(Fast) verloren im Nebel
(Fast) verloren im Nebel

Ich war froh, als wir die 4000er endlich geknackt hatten (4005 Meter!) und umdrehen konnten. Die Vorstellung, sich zu verlaufen und sich die 300 Höhenmeter hinunter zum Weg durch das Gestrüpp zum Weg hinab kämpfen zu müssen war nicht wirklich schön. Auf dem halben Weg zurück zum Kloster trafen wir Edu und den Rest und stiegen alle gemeinsam zum Lager ab. Alle hatten die 4000 erreicht, auch die Gruppe um Gerhard, die deutlich später zum Lager kamen.

Im Lager stand als nächstes die Dusche auf dem Programm. Da wir zusammen nur einen Satz Shampoo und Seife dabei hatten, mussten wir uns aufteilen. Ralle düste gleich ab zur Lodge, während ich ins Esszelt zur Tea Time ging. Als der beste Allgäuer von Allen zurück kam, riet er mir ein Handtuch mitzunehmen, das würde die Duscherei doch deutlich erleichtern, er sei jetzt halbfeucht unter den Klamotten ;-)

In der Lodge bekam ich ein Zimmer zugewiesen und genoss das heisse Wasser. Das war so heiss und angenehm, dass ich mich sogar zu einer Haarwäsche hinreissen liess, obwohl mein Mini-Handtuch damit klar überfordert war. Egal, was tut man nicht alles für gewaschene Haare.

Den restlichen Abend war ich damit beschäftigt, den Kopf abwechselnd zu bemützen (draussen) oder trocknen zu lassen (im Zelt). So ganz trocken wurden die Haare nicht, aber die mir prophezeite Erkältung blieb auch aus.

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