Cotopaxi

20.05.2009

Der Schlafraum der Cotopaxi-Hütte liegt direkt unter dem Blechdach und ist folglich ziemlich kühl. Ich will nicht sagen, dass ich da oben fror, aber mollig warm war mir nicht gerade. Viel bedenklicher als die relative Kühle da ober war aber, dass draussen der Wind mehr und mehr auffrischte und dass bei jedem Tee-Stop das Wetter schlechter war. Erst nur Wind, dann Wind und leichter Schneefall, dann Wind und starker Schneefall. Auf dem Weg zum Klo-Häusel lagen bald 5 Zentimeter teils verblasener Schnee. Ja, von 8 bis um 12 musste ich tatsächlich 3 mal raus. Man soll viel trinken in der Höhe.

Um Mitternacht weckte uns Benno und wir früstückten in aller Eile. Ralle und ich nutzten noch immer unsere Trinkbeutel mit Thermohülle, hatten aber beide die Schlauch-Isolation vergessen. Na, so schlimm kann das ja auch nicht sein, dachte ich, aber Benno betrachtete unsere Beutel mit Sorge. "Was anderes habt ihr nicht dabei?" - "Doch, im Bus." War nun auch nicht mehr zu ändern.

Als wir rauskamen, hatte sich das Wetter im Vergleich letzten Teestop nochmal ein Stück verschlechtert. Es war ein regelrechter Schneesturm, der die Hütte umtoste und dabei standen wir zunächst noch ziemlich geschützt. Wir bildeten dieselben Seilschaften wie am Illiniza Sur, Benno - Peter - Gerhard, Boris - ich - Ralle, Cristian - Helmut.

Allesamt gut verpackt machten wir uns auf den Weg. Zunächst ging es Kehren über die schneebedeckten Aschefelder dorthin, wo die geschlossene Schneedecke begann. Wir legten Steigeisen an und stiegen von dort nochmal etwa eine halbe Stunde weiter hinauf, bis wir uns halbwegs geschützt hinter einer Eiswand anseilten. Wir waren die ersten Seilschaften, hinter uns sah man noch viele Lichter hinauf steigen, aber Cristian und Helmut waren nicht dabei. Die hatten offensichtlich schon umgedreht.

Beim Anseilen.
Beim Anseilen.

Wir deponierten die Stöcke und stiegen in den Seilschaften mit Pickel weiter. Das war nun ein ganzes Stück anstrengender als mit den Stöcken zu gehen, aber das Tempo blieb betont langsam, so dass ich es zwar anstrengend aber gut machbar fand. Man sah zwar nichts im Dunklen, aber der Weg schien interessant durch eine Spaltenzone zu führen, mal war es richtig steil, mal war es flacher und wir machten einige seltsame Kehren.

Nach einer Steilstufe, in der ziemlich viel frischer Schnee lag, schienen wir auf einem Grat angelangt zu sen, denn der Wind wurde immer stärker. Ausserordentlich stark sogar, man wurde von den Böen regelrecht hin und her geblasen und musste echt aufpassen wie man ging. Gleichmässiges Steigen war da nicht mehr drin.

Ausserdem sorgte der Sturm zuverlässig dafür, dass die Ventile der Trinkschläuche vereisten. Das liess sich zwar relativ einfach dadurch beheben, dass wir den Schlauch zum warmen Beutel steckten, aber das gemütliche Zwischendrin-mal-einen-Schluck-trinken, das ja der grosse Vorteil der Beutel ist, war damit hinüber und die Anwendung insgesamt viel umständlich als eine Flasche. OK, so dann halt nicht mehr.

Bennos Seilschaft war ein ganzes Stück vor uns, als Boris stehen blieb und uns zu erklären versuchte, dass er die Sache zu riskant fände und umdrehen wolle. Bei dem Sturm, mit dem ganzen Zeug über den Ohren und noch dazu auf Englisch war die Verständigung nicht ganz einfach, aber wir konnten klären, dass wir meinten, dass wenn Benno weiter ginge, wir auch weiter gehen wollten. Mir ging es noch erstaunlich gut, fand ich, der Cotopaxi könnte machbar sein und der Ralle dreht eh extrem ungern um.

Gerade als wir das geklärt hatten, kam von oben Benno runter und wollte wissen was los sei (hinterher: er dachte, ich könne nicht mehr und wollte den Ralle mit an sein Seil nehmen). Boris und Benno diskutierten kurz, dann stieg Benno vor und wir hinterher. Beide Seilschaften sollten zusammenbleiben.Gerhard und Peter hatten unterdessen etwa 100 Meter weiter oben gewartet. Benno hängte sich wieder ein und wir stiegen alle langsam hintereinander weiter hinauf. Ich war sehr mit mir und dem Wind und meinen Schritten beschäftigt, daher bekam ich nicht so richtig mit, wie es zuging, aber plötzlich lag Boris vor mir mit dem Gesicht im Schnee und rührte sich nicht. Ralle meinte hinterher, Boris sei plötzlich umgefallen wie ein nasser Sack.

Vorbereitungen zum Umdrehen.
Vorbereitungen zum Umdrehen.

Wir eilten zu ihm, riefen seinen Namen und schüttelten ihn. Boris zeigte keinerlei Reaktion. Benno hatte mitbekommen, dass etwas nicht stimmte und stieg eilends zu uns ab. Es dauerte etwa eine Minute, bis Boris eine Reaktion zeigte und da war er zunächst so verwirrt, dass auch Benno auf Spanisch kaum etwas aus ihm raus bekam.

Boris
Boris

Ein grosses Missverständnis war los. Boris hatte sich weiter unten schon schwindlig gefühlt und hatte umkehren wollen, weil er dachte, mit ihm sei es nicht mehr sicher. Das hatten sowohl Ralle und ich als auch Benno missverstanden. Auch jetzt war ihm schwindlig. Er trank erst mal etwas und ass einen Schokoriegel, während Benno den geordneten Rückzug organisierte.

Wir stiegen also alle geschlossen wieder ab, während uns die ganzen Gruppen, die wir unter uns gesehen hatten, entgegen kamen. Manche wollten wissen, wieso wir umdrehten, andere sahen so aus, als würden sie selber gern umdrehen, das kann aber auch Einbildung gewesen sein ;-)

Beim Stöcke Abholen und Ausseilen.
Beim Stöcke Abholen und Ausseilen.
Bild von Gerhard

Wir kamen ohne weitere Probleme bei der Hütte an. Im Rückblick konnten wir sehen, dass mehrere andere Seilschaften ebenfalls bereits umdrehten, so dass wir wenigstens nicht die einzigen waren, die den Gipfel nicht geschafft hatten. Sowohl wir als auch unsere Sachen waren völlig eingeeist, so dass alles im Handumdrehen patschass wurde, sobald wir die Hütte betraten. Wir verstauten alles in der zweiten Küche, wo die Nässe auf dem Fliesenboden wenig Schaden anrichten konnte und gingen wieder ins Bett.

Und das war dann ziemlich scheusslich. War mir vor dem Ausflug in Schnee und Sturm schon kühl gewesen, fing ich nun wirklich an zu frieren. Ich konnte einfach nicht warm werden in meinem Schlafsack, egal wie klein ich mich zusammen rollte. Dass der Sturm am Blechdach rüttelte und es im Schlafraum nicht grad windete aber ziemlich zog, half natürlich nicht im Geringsten.

Nach ein paar Stunden unruhigem Schlaf, wo ich immer wieder frierend wach wurde, war es endlich hell und ich ging nach unten, in der Hoffnung heissen Tee und Kaffee zu bekommen. Gab es :-)

Nach und nach tauchten auch die anderen auf und wir frühstückten lang und gemütlich. Benno erzählte, dass wegen des Sturms keiner zum Gipfel gekommen sei. Ziemlich alle Gruppen seien bald nach uns umgekehrt, von den Touristen seien am weitesten noch die beiden Franzosen mit 'Gorilla' gekommen, die hätten es immerhin bis etwa 100 Meter unter den Gipfel geschafft. Eine Gruppe vom Militär war noch ein Stück weiter gekommen, hatte dann aber auch abbrechen müssen. Insofern: Es sei unwahrscheinlich, dass wir hoch gekommen wären.

Aber er befinde sich nun in einer dummen Situation: Wenn die Touristen nicht mehr können oder das Wetter nicht passt, dann ist das Pech für die Touristen. Es gibt keine Gipfel-Garantie. Wenn aber der Bergführer der Grund für die Umkehr ist, dann haben die Touristen Anspruch auf eine Ersatz-Chance.

Benno stellte zur Wahl, die Situation zu nehmen wie sie war oder einen Tag länger auf der Hütte zu bleiben und noch einen Versuch zu starten. Zeit dafür wäre, es müsse dann halt der Ruhetag in Baños ausfallen. Gerhard war sofort dafür noch einen Tag oben zu bleiben. Ich stellte mir eine weitere eisige Nacht in dem zugigen Schlafraum vor und hatte absolut keine Lust darauf. Ralle hätte gern noch einen Versuch gestartet, Peter und Helmut schienen eher keine Lust zu haben.

Entscheidungsloses Rumstehen in der Cotopaxihütte.
Entscheidungsloses Rumstehen in der Cotopaxihütte.

Nachdem wir uns so uneins waren, schlug Benno dann vor, uns zu teilen. Die eine Gruppe würde das Programm nach Plan weiter durchziehen, die andere Gruppe könne da bleiben und noch einen Versuch starten. Gerhard sagte sofort, dass er bleiben wolle, ich dagegen wollte auf keinen Fall oben bleiben. Helmut und Peter überlegten auch nicht allzu lang und wollten nach Baños. Nur der Ralle tat sich schwer, entschied sich dann aber auch für den Ruhetag.

Cristian sollte mit Gerhard oben bleiben. Elizabeth liess genügend Vorräte für Abendessen und Frühstück für die beiden auf der Hütte, dann war es Zeit für uns andere abzusteigen. Wir wünschten Gerhard alles Gute und zogen ab. Dass Paco und der Bus bereits am Parkplatz waren, konnten wir von der Hütte aus schon sehen.

Im Bus verteilten wir die nassen Klamotten und Rucksäcke auf allen Sitzen und liessen uns zurück durch den Nationalpark kutschieren. Dann ging es auf der Panamericana nach Süden, nur kurz unterbrochen von einem feinen Mittagessen in Latacunga.

Das Cotopaxi-Modell im Nationalpark-Museum.
Das Cotopaxi-Modell im Nationalpark-Museum.

Bei Ambato bog Paco von der Panamericana ab und fuhr Richtung Patate weiter. Wir kamen immer weiter runter (der tiefste Punkt war bei etwa 1800 Meter) und die Felder änderten sich von Gemüse- zu Obstanbau. Hatte Benno uns vorher grosse Broccoli-Felder gezeigt - und bei Latacunga auf die riesigen Rosen-Plantagen hingewiesen - deutet er nun auf Zitrus-Plantagen, Baumtomaten-Felder, Avocado-Bäume und Ähnliches. In Ecuador kann man offensichtlich jede Sorte Pflanze in die Erde stecken und sie wächst umgehend los.

Interessanterweise passen sich dann auch die europäischen Gewächse an die Gegebenheiten in Ecuador an und produzieren Blüten und Früchte zur selben Zeit, wie das auch die ganzen tropischen Pflanzen tun. Die einzige Pflanze, die Benno einfiel, die in Ecuador nicht gedeit, ist die Rebe. Die braucht offensichtlich die Winterruhe, um Trauben zu produzieren, aus denen man ordentlichen Wein machen kann. Deswegen gibt es keinen ecuadorianischen Wein.

Unser Ziel war die Hacienda Leito, die versteckt im Hinterland von Patate liegt. Benno hatte schon voraus-telefoniert, um unsere Ankunft zu melden und wusste daher, dass die Hauptstrasse von Patate nach Leito zur Zeit tagsüber wegen Bauarbeiten gesperrt war. Man hatte ihm eine Umfahrung genannt, die er schon ein einziges Mal und zwar in der Nacht genommen hatte.

Am Ortseingang von Patate lotste Benno den Bus von der Hauptstrasse runter und durch weitläufige Plantagen am Fluss entlang. Die Strasse war schmal, zunächst noch gepflastert und wurde bald zu einer Piste. Der Bus wand sich gerade langsam den steilen Hang zur Linken hinauf, als Benno merkte, dass wir uns verfahren hatten. An einer Stelle, die wirklich nur minimal breiter war als der Bus lang, wendete Paco den Bus in einem abenteuerlichen Manöver. Das Heck des Busses hing teilweise weit über den steilen Hang hinaus.

Dann ging es ein Stück zurück, bis wir auf einer jetzt wieder gepflasterten Strasse wieder einen Hang hinauf fuhren. Es dauert nicht lang, dann wurde aus der gepflasterten Strasse wieder eine schmale Piste, die sich dem Gelände folgend von einem Tal ins nächste schlängelte. Unser Ziel konnten wir nicht sehen, aber die Stelle, wo wir wieder auf die Hauptstrasse kommen sollten, zeigte uns Benno schon ziemlich bald: ein grosser Funkmast gar nicht allzuweit über uns.

Der Weg dorthin zog sich aber in die Länge. Wir fuhren durch idyllische Almwiesen, kleine Dörfer und entlang vieler kleiner Felder von Kleinbauern. Die Menschen am Wegrand schienen sich nicht im Geringsten darüber zu wundern, dass sich da ein Reisebus über Strassen schlängelte, die grad mal so breit waren wie eben dieser Bus (zumindest hatte ich den Eindruck) und winkten uns alle fröhlich und freundlich zu.

Als wir uns unserem Ziel schon ziemlich weit genähert hatten, stand in einem Dorf ein Lastwagen zwischen den Häusern und versperrte den Weg. Zumindest sah es auf den ersten Blick so aus. Paco klappte den Aussenspiegel ein, irgendwer machte an dem Laster dasselbe und dann quetschte Paco den Bus durch eine Lücke, durch die ich meinen Audi nur mit grössten Bedenken gefahren hätte.

Danach dauert es nicht mehr lang, bis wir die 'Hauptstrasse', eine nur marginal breitere Piste, erreicht hatten und kurz darauf bei der Hacienda Leito ankamen. Das war ein richtig schönes altes Landgut (erst vor kurzem dem Verfall entrissen, wie Benno erzählte) mit einem weitläufigen Garten und schönen Zimmern in kleinen Häuschen ums Hauptgebäude.

Auch in diesem Zimmer fand sich ein Kamin, bereits mit Holz befüllt und bereit entzündet zu werden. Wir schafften es aber leider nicht, ein Feuer zu machen, denn es hatte nur grobes Feuerholz im Kamin, nicht aber irgendwas, was leicht anzuzünden war. Als ich dann einen der Hausdiener organisiert hatte, wurde auch schnell klar wieso: die schütten einfach Diesel über das Holz und zünden das dann an.

Barocker Überfluss in Leito.
Barocker Überfluss in Leito.

Wir räumten alles nasse Zeug aus und verteilten es strategisch geschickt im Zimmer, damit es trocknen konnte. Das Abendessen gab es im hochherrschaftlichen Hauptgebäude, das mit vielen Bildern und noch viel mehr Krimskrams geschmückt war. Die Stühle im Speiseraum waren sehr rustikal mit Leder bezogen, eine der Sitzgruppen vor der Bar dagegen hatte ein vergoldetes Barock-Gestell und Polster mit Blümchenmuster. Es war ein rechtes Durcheinander, aber sehr ansprechend.

Die Bar in Leito mit Kram und Bildern.
Die Bar in Leito mit Kram und Bildern.

Kurz vor dem Abendessen hatte Benno noch einen Anruf von Cristian bekommen: Gerhard und er waren um 11 Uhr (vormittags) zum zweiten Besteigungs-Versuch gestartet und hatten den Gipfel nach 4 1/2 Stunden Aufstieg ('normal' sind 6 Stunden) geschafft. Da Gerhard keine Lust auf eine weitere Nacht in der Hütte gehabt hatte, waren sie abgestiegen und seien nun in einer Lodge im Nationalpark. Super! Wir freuten uns alle darüber, dass es wenigstens einer dem Cotopaxi gezeigt hatte :-)

Der Cotopaxi im Abendlicht, nachdem er von Gerhard und Cristian bezwungen war.
Der Cotopaxi im Abendlicht, nachdem er von Gerhard und Cristian bezwungen war.
Bild von Gerhard

Lagebesprechung für den nächsten Tag: Ausschlafen, Frühstück um 8. Dann nach Baños, Wasserfälle gucken und Touri spielen, mit Stadtbummel und Einkaufsmöglichkeiten, Internet, usw.

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