Panamericana und Humberstone

14.06.2010

Nach dem letzten feinen Frühstück beim Lomo Sanchez machten wir uns auf den Weg nach Calama, um die Vorräte zu ergänzen. Speziell die Getränke und das Wasser waren nahezu aufgebraucht, obwohl wir in San Pedro schon nachgebunkert hatten. Man macht sich keine so rechte Vorstellung davon, wieviel Flüssigkeit 4 Leute am Tag brauchen. Als wir das am Vortag überschlagen hatten, um eine Einkaufsliste für die Mall zu haben, nahmen wir als Minimum 5 Liter pro Person und Tag an. 5-7 Tage wollten wir dort oben im Norden im Hinterland bleiben. Wenn überhaupt, dann könnten wir nur in Putre für Nachschub sorgen und das liegt noch ein Stück vom Nationalpark Lauca entfernt.

Wir landeten wieder mit 3 prall gefüllten Einkaufswagen vor der Kasse. Das alles dann in den Autos zu verstauen, war kein leichtes Unterfangen, auch weil wir diverse zu kühlende Lebensmittel dabei hatten. Ja, da oben auf den Hochebenen ist es kalt. Aber dort scheint auch die Sonne und das recht intensiv. Das führt zu der irrwitzigen Situation, dass man im T-Shirt im Auto sitzt und die Klimaanlage anschaltet und beim Aussteigen umgehend die Daunenjacke benötigt. Deswegen die Kühlbox. Und die Kühltasche, über die Yak dann noch gefallen war.

In Calama tankten wir nochmal und dann ging es los. Auf in den Norden. Zunächst galt es aber, nach Westen zu queren, um von der Hochebene von Calama und San Pedro herunter zu kommen. Und dann ging es auf die Panamericana!

Für eine ehemalige Motorradfahrerin hat dieser Name einen fast mystischen Klang. Ich erinnere mich an viele Träumereien mit meinem damaligen Freund, dass man diese Traumstrasse aller Traumstrassen irgendwann mal fahren müsste. Von ganz oben nach ganz unten. Und sich ein Jahr dafür Zeit nehmen. Oder noch länger.

Nicht dass ich wirklich erwartet hätte, da jetzt eine supertolle Traumstrasse vorzufinden, aber der Teil der Panamericana, der durch den Norden Chiles führt ist wirklich fürchterlich. Man befindet sich auf einer Art Zwischenebene auf etwa 1200m. Auf der einen Seite das Meer, das von der Zwischenebene durch eine Hügelkette und 1200m Steilküste getrennt ist, auf der anderen Seite die hohen Berge und die Hochebene, die man in der Entfernung sehen kann. Und dazwischen: Nichts.

Wirklich und ganz und gar nichts! Eine weite Ebene aus Staub und Dreck, kein Farben ausser Graubraun in verschiedenen Schattierungen und soviel Staub in der Luft, dass nicht mal das Blau des Himmels zu sehen ist. Landschaft zum Abgewöhnen, anders kann ich das nicht beschreiben.

Und mittendrin eine zweispurige Teerstrasse, hier und da grosszügig mit Schlaglöchern versehen, die endlos geradeaus führt. Maximal-Geschinwdigkeit irgendwas zwischen 80 und 120 km/h. Wobei Letzteres wegen der allgegenwärtigen Schlaglöcher nicht ganz risikofrei ist.

Aus dem Reiseführer hatten wir mitgenommen, dass es da irgendwo einen Wald aus irgendwelchen endemischen Bäumen geben sollte. Das klang sehr nach dem idealen Platz für eine Pause, daher verschoben wir diese Pause bis dorthin. Der Weg zog sich deutlich länger hin als erwartet (Claudine klagte schon sehr über Hunger), aber schliesslich näherten wir uns dem Wald. Wir hofften auf eine optische Erholung von dieser eintönigen Nicht-Landschaft.

Der 'Wald' war eine grosse Enttäuschung. Kahles Gestrüpp, eher Büsche als Bäume, weit auseinander stehend und dazwischen aufgewühlter Sand/Dreck. Es sah aus, als sei da jemand mit schwerem Gerät durchgefahren und hätte das Gelände umgepflügt. Was vermutlich auch der Fall gewesen war, denn als ich später nachlas, hiess es im Reiseführer, der 'Wald' würde derzeit aufgeforstet.

Als Brotzeitplatz bot sich das jedenfalls nicht an, so dass wir auf Coke und Cookies im Auto setzen und einfach weiter fuhren. Es war eh schon wieder ziemlich spät. Das (Zwischen-) Ziel war Humberstone, eine gut erhaltene aufgegebene Salpeter-Stadt aus dem vorigen Jahrhundert. Direkt daneben liegt eine weitere Salpeter-Stadt, Santa Laura.

Diese Städte wurden von den Salpeter-Baronen gegründet (im Fall von Humberstone war das James Thomas Humberstone), um den Arbeitern Wohnmöglichkeiten neben der Mine zu geben. Schnell wurden daraus kleine Städte mit Läden, Schule, Theater und allem, was der Arbeiter so braucht. Ganz geschickt führte man innerhalb der Städte eine eigene Währung ein, die nur dort galt. So hatten die Arbeiter und Angestellten zwar innerhalb der Städte ein schönes Leben, konnten aber mit ihrem Geld nirgendwo anders etwas anfangen.

In Humberstone versucht man viel vom Leben damals einzufangen mit vielen Ausstellungen in den Arbeithäusern. Die Schule, die Kirche und das Theater sind gut erhalten und man kann auch das Schwimmbad besichtigen. Dafür wurde einfach ein altes Schiff im Boden vergraben. Hinter der Stadt sind auch noch die alten Raffinierie-Anlagen mit allen möglichen Gerätschaften erhalten. Der Spaziergang durch Humberstone war ausnehmend interessant und ein schöner Kontrapunkt zur Panamericana. Dass wir so spät dort waren, bescherte uns noch dazu wunderbares rotes Abendlicht, was die ganzen rostigen Industrieanlagen erst recht zur Geltung brachte.

Übernachten wollten wir in Iquique, der nächstgelegenen (Gross-)Stadt. Dazu galt es die 1200 Höhenmeter zum Meer in etwa 50 Kilometern zu überwinden. Wir fuhren bei schönster Abendsonne bei Humberstone los, direkt nach Westen. Nur wenige Kilometer hinter Humberstone - wir hatten noch keine wesentlichen Höhenmeter zurück gelegt - fuhren wir in den dicken Küstennebel hinein und plötzlich waren wir in einer völlig anderen Welt. Alles trüb und grau, diesmal nicht nur die Landschaft sondern auch der Himmel.

Iquique ist - zu meinem grossen Erstaunen, denn selbst Calama ist klein und beinahe gemütlich - eine richtige Großstadt. Mit allem was dazu gehört: Haufenweise Menschen und Autos, dichtem Verkehr und Ampeln. Wir versuchten so gut wie möglich hinter Claudine und Yak zu bleiben, um nicht verloren zu gehen. Zwar war die Wegbeschreibung zum Hotel denkbar einfach (Geradeaus bis zum Meer, dann rechts.), aber wir wollten das andere Auto lieber doch nicht verlieren. Die Funkgeräte waren ausnehmend nützlich dabei.

Das Hotel, das Claudine und Yak aus dem Reiseführer rausgesucht hatten, hiess Bellavista und lag in einer sehr herunter gekommen aussehenden Ecke von Iquique, das laut Führer ein sehr schönes Stadtzentrum haben soll. Daher waren wir auch froh, dass wir zumindest ein Auto in der Garage des Hotel unterbringen konnten (später dann auch das zweite). Auf den ersten Blick sah das Hotel zwar nicht hochmodern, aber doch zumindest solide aus. Für einmal Schlafen würde es wohl reichen, dachten wir.

Beim genaueren Hinsehen entpuppte sich das Hotel aber als kurz vorm Auseinanderfallen. In unserem Bad ging die Tür nicht zu, der Toilettensitz musste mit äusserster Vorsicht benutzt werden, um nicht runterzufallen und an diversen Stellen im Zimmer fiel umgehend der Putz ab, wenn man nur in die Nähe kam. Die Tür zu Claudines und Yaks Zimmer liess sich nicht mehr öffnen, nachdem sie einmal geschlossen wurde, weil sich der Türrahmen in der Mauer verschoben hatte und musste vom Concierge mit roher Gewalt wieder ausgerichtet werden. Nun denn, zum Schlafen reicht es.

Abgesehen davon waren alle ausgesprochen nett und freundlich, ganz besonders die Empfangsdame, mit der Claudine und ich zunächst gesprochen hatten. Der Sprachprobleme wegen hatten wir uns via Google unterhalten, wo entweder die Concierge einen spanischen Satz eintippte oder wir einen englischen :-)

Diese Ambivalenz zog sich auch durch den Rest von Iquique. Die Häuser rund ums Hotel machten einen nahezu vergammelten Eindruck, ein paar Strassen weiter dagegen fanden sich wunderschön hergerichtete historische Häuser aus der Hochzeit der Salpeter-Barone. Die Fussgängerzone war zwar nahezu komplett verlassen, dafür aber ebenfalls sehr schön hergerichtet. Die Fussgängerzone ist zuweilen mit Holzplanken 'gepflastert'.

Zum Essen gingen wir ins Centro Espanol, ein in maurischem Stil gehaltenes vornehmes Restaurant an der Plaza Arturo Prat. Uns erwartete ein nahezu leerer hoher Raum mit bunten Fenstern, dessen Wände mit wandfüllenden Gemälden bestückt waren, in dem viele fein gedeckte Tischen auf Gäste warteten. Beim Eintreten führte uns ein Kellner mit ernstem Gesicht zu einem Tisch. Im ersten Augenblick kam ich mir völlig deplaziert vor. Aber der steingesichtige Ober hatte ein verschmitztes Grinsen im Auge und schien seine Rolle ebenso zu geniessen wie wir kurz drauf die unsere als wohlgeschätzte Gäste. Der Fernseher mit laufender Talkshow in der Nähe der Bar (weit weg von uns) tat ein Übriges zum, Lockern der Athmosphäre.

Das Essen im Centro Espanol war nicht schlecht aber bei Weitem nicht so grossartig, wie das hochvornehme Ambiente vermuten liess. Im Reiseführer wurden das Essen als überteuert ausgewiesen, aber ich fand die Preise OK, schliesslich muss man das Drumherum mitbezahlen. Nach dem Essen durften wir auch noch einen Abstecher in der ersten Stock machen, der völlig dem Ritter von der traurigen Gestalt Don Quichotte gewidmet war. Alles in Allem ein wunderbarer Kontrapunkt zu unserem Hotel :-)

Bilder:
Stundenlang diesselbe Nicht-Landschaft   Alter Eisenbahnwagon in Humberstone   Industrielles Irgendwas auf dem Humberstone-Gelände   Der Stadtpark   Rückblick auf Humberstone   Eine der alten Hallen im Industriekomplex   Ein Teil der Anlagen von Humberstone im Abendlicht   Alte Lok vor alten Hallen   Sonne hinter uns Nebel vor uns auf dem Weg nach Iquique   Der Uhrturm auf dem Arturo-Prat-Platz   Im 'Centro Espanol'   Unser Platz im Centro Espanol vor den hohen Fenstern   Schwerter-Schaukasten im Centro Espanol   In der Fussgängerzone  

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