El Tatio

09.06.2010

Als Frühaufsteherin der Truppe war es meine Aufgabe, die anderen um halb sechs zu wecken, damit wir auch ganz sicher zum Sonnenaufgang unten bei den Geysiren sein konnten. Als ich aber in der Nacht aufwachte und mich schliesslich doch entschloss, mich aus dem warmen Schlafsack zu schälen (Endlich warm! Diese Nacht war wirklich kalt und es hatte lang gedauert, wirklich rundrum und überall warm zu werden.), um den abendlichen Tee zu entsorgen, musste ich feststellen, dass mein Höhenmesser in der Kälte den Geist aufgegeben hatte. Die 'neue' Batterie, die ich da hinein gesteckt hatte, war wohl doch nicht mehr neu genug gewesen.

Ich überlegte gerade, wie ich Yak am schonendsten wecken könnte, als in der Rangerstation der Generator angeworfen wurde und hustend und stotternd zum Leben erwachte. So war es nur nötig, Yak kurz mitzuteilen, dass er nun die ehrenvolle Aufgabe des Weckens zu übernehmen hatte. Es war kurz vor fünf, eine halbe Stunde noch ...

Schlafen war für diese kurze Zeit nicht mehr möglich, denn die abends so ruhige und verlassene Rangerstation wurde von einem Jeep und Minibus nach dem anderen förmlich überrannt. Immerhin war es kuschelig warm, bis Yak uns dann aus den Zelten scheuchte. Unten auf den Geysirfeldern konnten wir viele Lichter von Autos sehen, oben standen die herum, die etwas später angekommen waren und noch zahlen mussten. Noch war es stockduster.

Auf dem Geysir-Feld von El Tatio gibt es 2 Stellen, wo sich mehrere Geysire konzentrieren. Fast alle Autos schienen sich zum unteren Feld begebn zu haben, doch als Claudine gestern bei der Rangerin nachgefragt hatte, war uns das obere Feld empfohlen worden. Das war das, bei dem wir gestern abend schon gewesen waren und weil wir eh nicht mitten in die vielen Leute hinein wollten, steuerten wir wieder dort hin.

Anfangs blieben wir noch in den eben grad so warm gewordenen Autos. Von den Geysiren sah man lediglich Dampf, davon aber reichlich. Als es hinter den umgebenden Bergen dann langsam heller wurde, stiegen wir aus und spazierten auf den markierten Wegen zwischen den Pools herum. Die Geysire waren durchaus höher als gestern Abend, aber nicht wesentlich. Das Wasser sprudelte gelegentlich vielleicht mal einen guten halben Meter hoch. Das war alles ganz nett aber bei Weitem nicht so spektakulär wie allüberall beschrieben (Und wo ich schon mal dabei bin: Das Geysirfeld von El Tatio ist nicht das höchstgelegene der Welt, wie man gelegentlich lesen kann. Es ist allerdings eines der grössten hochgelegenen geothermischen Felder und hat auch sonst ein paar Besonderheiten.).

Nach einer Weile - es war inzwischen einigermassen hell - beschlossen wir, nun auch noch zum hinteren Teil von El Tatio zu fahren, wo sich nahzu alle anderen aufhielten. Vielleicht gäbe es dort ja noch irgendwas Spektakuläres, auch wenn es von der Ferne nicht so aussah. Aber die Rangerin hatte trotzdem Recht gehabt: vom vorderen Teil aus hatten wir bestimmt die schönsten Sonnenaufgangsbilder schiessen können.

Der hintere Teil von El Tatio hat nicht so schön grosse Pools wie der Vordere und es hat generell weniger Wasser, dafür hat es da aber viele Kalk- oder Salz-Formationen und interessant gefärbte Mini-Pools. Anfangs war ich entsetzt, wieviel 'Müll' in den kleinen Pools deponiert worden war, doch bei genauerer Betrachtung war das kein Müll sondern Frühstück. Die Tour-Anbieter von Calama und San Pedro de Atacama bieten ihren Gästen nämlich auch Frühstück an - inklusive Vulkan-gekochter Eier und Vulkan-geheiztem Kakao.

Claudine und Yak waren länger vom Geysir-Feld fasziniert als wir, daher machten wir uns erst mal allein auf den Weg zurück zur Ranger-Station. Wir nahmen den langen Weg zurück und machten auch einen Abstecher zum Swimming-Pool im oberen Teil. Da stiegen tatsächlich Leute ins Wasser, obwohl die Temperaturen noch immer ganz deutlich im Minus-Bereich lagen. Brrrr!

Noch bevor Ralle und ich unser Frühstückszeug zusammenpacken und in die Küche gehen konnten, wurden wir von der Rangerin abgefangen. Heute könnten wir die Küche leider nicht benutzen, weil da dieses hochbrisante Meeting stattfinden sollte. Sie entschuldigte sich ein paar Mal dafür, doch da wir ja überaupt nicht mit so Annehmlichkeiten wie einem geheizten Raum gerechnet hatten, waren wir nicht allzu enttäuscht. Ausserdem schien ja inzwischen die Sonne und es wurde schnell wärmer.

Nach dem gemütlichen Frühstück wurde das Lager abgebaut und wir fuhren zurück zum Geysir-Feld, um den namenlosen Hügel hinter dem Feld in Angriff zu nehmen. Ursprünglich wollten wir den Vulkan El Tatio besteigen, doch als wir den auf dem Weg hierher genauer betrachtet hatten, nahmen wir doch wieder Abstand. Zu steil, zu sandig, zu anstrengend für die Akklimatisationsphase. Um wenigstens einen Berg mit Namen besteigen zu können, wurde der Hügel Pico de Tatio getauft.

Um zum Berg zu kommen, mussten wir erst einen relativ tiefen Bach durchqueren (was erstaunlich gut ging) und dann direkt geradeaus über eine recht sandige Piste steil nach oben fahren. Ich fuhr. Ralle meinte schon zu Anfang: 'Gas geben, nicht langsam werden!' Leicht gesagt. Für den X-Trial war die Piste einfach zu steil. Eine Untersetzung hat der ja nicht und mit schleifender Kupplung da hinauf fahren wollte ich auch nicht. So kam es wie es kommen musste --- ich würgte den Wagen mitten im steilsten Stück ab. Nochmal zur Erinnerung: Der Wagen, dessen Handbremse quasi nicht-existent war.

Deswegen schaffte ich es auch nicht, wieder loszufahren. Eine Option wäre gewesen, so weit zurück zu rollen, bis ich wieder anfahren konnte. Wir probierten erst die andere Variante: Grosse Steine hinter die Hinterräder legen und dann mit schleifender Kupplung und viel Gas das Auto die Steigung hinauf zu quälen. Das wollte ich nicht, also durfte der Ralle den Wagen mishandeln.

Von der Ferne hatte der Pico nach Sand- und Dreckhaufen ausgesehen. Jetzt wo wir langsam über seinen Westrücken hinauf stiegen, sahen wir, dass es sich bei dem breiten Rücken um sehr schön gestuftes Blockgelände handelte, das recht angenehm zum Aufsteigen war. Ausserdem ist solches Gelände der bevorzugte Wohnort der Hasenmaus, wie wir bald feststellen konnten. Die Exemplare am Pico de Tatio waren einigermassen unscheu, so dass wir sie schön beobachten und fotografieren konnten.

Der Pico hat 3 Gipfelchen, an deren ersten beiden wir vorbei spazierten, um am letzten dann eine kurze Pause einzulegen. Unter uns lag das grosse Geysir-Feld von El Tatio, nun wieder einsam und verlassen. Ganz hinten der warme Pool. Auch wenn es schon wieder später war als gedacht, für einen Abstecher dort hin musste die Zeit noch reichen. Schliesslich mussten wir es ja nur schaffen, vor 21:00 bei der Agentur das Geld für Bolivien abzugeben.

Weil es so einfach ausgesehen hatte, kürzer war und insgesamt eine Runde gab, entschieden wir uns für den direkten Abstieg über die Flanke zum Auto. Der Anschein hatte getrogen, der Abstieg war steiler und gerölliger als wir angenommen hatten. Nun gut, so war er wenigstens nicht langweilig.

Unten fuhren wir zum Swimming-Pool, um endlich das langersehnte heisse Bad zu nehmen. Alledings kann von heiss bei dem Pool wirklich nicht die Rede sein. Das Wasser ist grad mal lauwarm - 25 Grad oder so - was bei Temperaturen nicht weit über Null und leichtem Wind dann doch nicht ganz so angenehm ist wie erwartet. Ganz vorne gibt es Stellen, wo heisses Wasser zufliesst, das ist dann aber gleich so heiss, dass man nicht allzu nah hin kann. Man muss sich immer wieder eine neue Stelle suchen, um Nahezu-Badewannen-Temperaturen zu bekommen. Allzu lang hält man es nicht aus, bevor man wieder raus steigt und sich bibbernd abzutrockenen versucht, um ganz fix wieder in die warmen Klamotten zu kommen. Aber gut, wir haben auf 4300m in der heissen Quellen von El Tatio gebadet, können wir das also auch abhaken.

Der nächste Punkt auf dem Programm war, den Vulkan unter dem Geysir-Feld Eier für uns kochen zu lassen so wie die Tour-Anbieter das auch machen (Heissen Kaba hätte ich auch nicht schlecht gefunden, aber wir hatten leider keinen dabei.). Wir packten 4 Eier in eine Tüte und parkten sie ein einem der sprudelnden dampfenden Löcher während Claudine und Yak Sandwiches vorbereiteten. Nach etwa 15 Minuten wurden die Eier dann vorsichtig in einem kälteren Pool abgeschreckt und getestet.

Gar nicht schlecht, so Vulkan-Eier, vor allem wenn man Hunger hat ;-) Ich bin nicht sicher, ob der leichte Schwefel-Geschmack, den Eier sowieso ein wenig haben, da nun trotz Tüte verstärkt wurde oder ob das einfach nur der Schwefel war, den man in der Gegend sowieso in der Nase hat. Als Brotzeit hatte das jedenfalls was :-)

Da wir nun in El Tatio wirklich alles gemacht hatten, was zu machen war, ging es zurück nach San Pedro de Atacama. Es war eh schon wieder relativ spät. Kurz vor Machuca schlug Yak vor, die Strasse über Machuca nach San Pedro auszuprobieren, die viel besser ausgebaut aussah als die über die Hochebene beim Cerro Jorquencal. Auf der Karte war da allerdings nur eine schmale schlechte Piste eingezeichnet. Wir einigten uns auf den Test und hatten Glück. Die Strasse ist frisch ausgebaut und um einiges besser als die Holperpiste über Puritama.

In San Pedro gingen wir diesmal ins Hostal Lomo Sanchez, das Claudine beim letzten Mal ausgekundschaftet und für hübsch befunden hatte. Dort gab es zwei wirklich schöne Zimmer mit sauberem Mini-Bad, superguten Doppelbetten und der Besitzer kann sogar Englisch. Verglichen mit dem letzten Hostal war das eine deutliche Kategorie aufwärts, aber es kostete genau dasselbe. Am besten war, dass wir die beiden X-Trials mit unserem kompletten Gepäck in den Hof des Hostals stellen durften. Somit konnten wir sicher sein, dass wir nach den drei Tagen unser Zeug auch wieder vorfinden würden. Die beiden Nächte nach der Rückkehr buchten wir gleich.

Claudine ging zum Bolivien-Veranstalter zahlen, Ralle und ich fingen schon mal an, die kleinen Rucksäcke für Bolivien zu packen. Auf eines hatte der junge Mann im Tour-Office nochmal deutlich hingewiesen: Wir müssten unbedingt diesen kleinen weissen Immigracion-Zettel im Pass haben, um aus Chile ausreisen und nach Bolivien einreisen zu dürfen. Beim routine-mässigen Check stellten wir entsetzt fest, dass Ralles kleiner weisser Zettel fehlte. Intensives Suchen im Zimmer, im Gepäck und im Auto brachte ihn auch nicht zutage.

Claudine hatte dann die rettende Idee, doch mal den Tour-Anbieter zu fragen, wie man wieder an so einen Zettel käme. Wir stellten uns höchst komplizierte bürokratische Rituale vor und rechneten schon damit, Claudine und Yak allein auf den Bolivien-Trip schicken zu müssen, doch es war alles ganz einfach.

Der Junge im Office alarmierte Julio, 'El Chefe', und der nahm uns mit zur Immigracion von San Pedro de Atacama. Vorher hatte er schon 'Senor El Policia' organisiert, der in Zivil-Klamotten sein kleines Büro aufsperrte und Ralle einen neuen Einwanderungs-Zettel ausstellte. Dass der Einreise-Stempel ausgerechnet in Ralles Pass kaum zu entziffern war, verzögerte die Sache nur um Minuten. Er schrieb das Datum einfach von meinem Stempel ab. Nach einer halben Stunde waren wir wieder im Hostal :-)

Die Dusche zum Schwefel-Salz-Wasser abwaschen fiel recht kurz aus, dann sassen wir zusammen im 'Casa de Piedra' und assen feine Lomos, Koteletts, Salate, Enchiladas und anderes. Nach dem miserablen Start in Calama wurde das Essen so langsam immer besser. Oder wir schlauer ;-)

Bilder:
Sonnenaufgang (mit Mond) bei den Geysiren von El Tatio.   Bunte Algen und Mineralien an einer heissen Quelle.   Es ist kalt auf 4300m.   Noch eine heisse Quelle mit interessanten Farben.   Das Lager wird abgebaut.   Hasenmäuse am Pico de Tatio.   Grossvater Hasenmaus.   Tiefblick auf das Geysirfeld von El Tatio.   Am Pico de Tatio.   Schwimmen im beinahe warmen Pool von El Tatio.   Snack-Vorbereitungen. Eier in der heissen Quelle, sonstige Zutaten dahinter.  

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