EngelChronik 2014 - Korsika

Paglia Orba

12.06.2014

An diesem Tag ging es früh los, denn wir wollten in die hohen Berge Korsikas. Wie üblich brauchten wir in der Früh dann doch länger als gedacht, aber um halb Acht waren wir auf dem Weg an Evisa vorbei zum Col de Verghio. Auf der Karte sieht das nicht sehr weit aus und Anzahl die Kilometer ist auch nicht sehr beeindruckend, aber die Straße macht derart viele Kurven, dass wir doch eine ganze Stunde brauchten, um das Fer à Cheval 2 Kehren hinter dem Pass zu erreichen.

Bei schönstem Wetter liefen wir durch lichten Kiefernwald los. Es war recht schwül, aber nicht so heiß wie weiter unten. Nachdem wir uns unten im Wald trotz des GPS-Tracks zwei mal verhaut hatten (eine echte Meisterleistung bei einer 3-Wege-Kreuzung) kamen wir auf dem richtigen Pfad in schönster Berglandschaft vor der Bergerie de Radule mit Wasserfall ins Freie.

Die Paglia Orba sah man erst, als wir den Talboden den nächsten Hochtals erreichten. Der Titel 'Matterhorn Korsikas' mag ja von anderen Seiten stimmen, wenn man vom Col de Verghio kommt, ist da aber nichts Matterhorn-mäßiges zu erkennen. Der Berg ist immerhin groß und klotzig und erkennbar am höchsten. Und weit weg.

Der Zustieg zum Refuge Ciottulu di i Mori unterhalb der Paglia Orba ist eher langweilig, zumindest verglichen mit den ausnehmend netten und abwechslungsreichen Touren der letzten Tage. Außerdem ist der Zustieg Teil des GR20, was natürlich einigen Betrieb bedeutet (nicht zu vergleichen mit gut besuchten Alpentouren allerdings).

Am Refuge gönnten wir uns etwas zu trinken dann ging es weiter zum Col des Maures. Von dort sollte ein mit Steinmännchen markierter Pfad rechts weg gehen. Leider war der ganze Hang zum Col voller Schnee. Immerhin führte eine Spur im Schnee in die Richtung, die wir gehen wollten. Wir nahmen sie und fand am Ende des Schnees auch tatsächlich Steinmänner, die uns weiter die Paglia Orba hinauf leiteten.

Uns kamen ein paar Bergsteiger im Abstieg entgegen (alle deutsch-sprachig), die teils recht grantig drein schauten. Nicht allzu weit drüber sahen wir auch warum: Ein steiles Schneefeld lag in der breiten Rinne, die zum Gipfel führte und nur eine einzige Spur führte hinauf. Offensichtlich waren bisher bis auf einen alle umgedreht. Seltsamerweise führten Steinmännchen um die linke Seite der Rinne herum und schienen einen alternativen Weg anzudeuten. 20 Minuten und ein paar fruchtlose (nicht einfache!) Klettereien später war aber klar: da war kein Durchkommen. Entweder das Schneefeld oder gar nicht.

Wir krabbelten ein paar Felsaufschwünge und den alleruntersteten Teil des Schneefelds hinauf. Mir wurde immer unwohler. Das blöde Schneefeld war weich und sulzig und verdammt steil. Und rauf steigen ist ja erst der Anfang! Schließlich hatte ich genug. Dieses Schneefeld mit der elendig sulzigen Oberfläche wollte ich nicht wieder runter gehen müssen. Nicht mit dem noch so instabilen Knie. Einmal ausgerutscht und .......

Ich trat also in den Streik und ließ mich auch nicht durch gutes Zureden zum Weitergehen bewegen. Ich wäre da einfach nicht mehr runter gekommen. Auch die maximal 10 Meter ganz unten im Schneefeld waren schon beängstigend (zum Gipfel wären es noch um die 200 Höhenmeter gewesen, vielleicht 80 oder 90 davon das Schneefeld, das zugegeben weiter oben etwas abflachte). Ich bot an, mich auf den nächstbesten Stein in die Sonne zu setzen und zu warten, aber dem beste Allgäuer von Allen war der Gipfel dann auch nicht so wichtig, dass er eine Trennung riskiert hätte.

Wir machten also erst mal Pause und stiegen dann zum Rifugio ab. Der beste Allgäuer von Allen nutzte dazu ein anderes steiles Schneefeld, das vom Col des Maures empor zog, und fuhr darauf fröhlich auf den Schuhen ab (wenn auch oben im steilsten Teil mit ein paar Schwierigkeiten). Dieses Schneefeld war möglicherweise noch steiler als das Schneefeld in der Rinne. Auch wenn ich eigentlich Abstieg nicht mag und alles nutze, was Absteigen vermeidet - das Ding war mir einfach zu steil. Ich tappte also langwierig zu Fuß nebendran runter und stieg erst im unteren Drittel ein. Immerhin.

Am Rifugio gönnten wir uns nochmal etwas zu trinken, dann machten wir uns an den Abstieg. Schon am Rifugio hatten wir gesehen, dass Wolken aufzogen und die sammelten sich auch recht schnell hinter uns. Wir liefen aber noch in schönstem Sonnenschein im Talgrund entlang. Trotz des Sonnenscheins fing es aber an zu tröpfeln. Und dann grummelte es hinter uns, erst laut, dann lauter. Am Auto hatten wir noch über die Schirme gesprochen, die wir eigentlich mitnehmen wollten. Die hatten wir aber angesichts des strahlend blauen Himmels in der Früh vergessen.

Kaum hatten wir das Regenzeug (Rucksackschutz und Regenjacken) rausgekramt, fing es auch schon an zu schütten. Derart gründlich, dass wir auf das Regenzeug auch hätten verzichten können. Wir suchten erst mal unter einem überhängenden Stein Schutz, um das Unwetter auszusitzen, aber das ging nicht lang gut. Bald liefen uns Sturzbäche vom Stein in den Nacken.

Wir gingen also weiter und zwar in ziemlich beschleunigtem Tempo. Ich lief mit Stöcken und konnte so das Tempo ganz gut halten. Im Abstieg zur Bergerie de Radule mussten wir zwei große Gruppen, die sich sehr sehr langsam den blockigen Weg hinab tasteten, überholen. Dies gelang nur, weil wir einfach neben dem Weg durchs Gestrüpp liefen. Etwa an der Bergerie ließ der Regen nach und als wir unten im Wald waren, hörte er auf. Uns nützte das allerdings nur bedingt, denn von den Bäumen tropfte es noch lange nach.

Beim Auto war das Gewitter nach Süden abgezogen. Wir konnten es weiterhin Grummeln und Grollen hören, bei uns schien aber schon wieder die Sonne. Wir waren beide bis auf die Unterhosen durchgeweicht. Wir zogen erst mal trockene Sachen an und hängten die nassen Klamotten an der Heckklappe zum Trocknen auf. Die Stiefel hatten wir ausgekippt und stellten sie in die Sonne. Dann kochten wir Kaffee und machten Kaffeepause mit korsischen Keksen. Die Pause hatten wir uns nach dem Gewaltabstieg ehrlich verdient.

Hinter uns braute sich aber schon wieder grummelnd ein Gewitter zusammen, daher brachen wir die Pause ab, als die Sonne hinter neuen Wolken verschwand. Als es erneut zu regnen begann, waren wir schon auf dem Weg nach Calacuccia. Bis wir den Stausee erreichten, hatten wir das Gewitter hinter uns gelassen und konnten trockenen Hauptes am Campingplatz einchecken, wo wir sogar einen Strom-Adapter für die Kühlbox ausleihen konnten. Wir fanden einen sehr schönen und einsamen Platz ganz am Rand des Platzes, der viele Möglichkeiten zum Aufhängen unserer nassen Klamotten bot. Zum Abendessen spazierten wir nach Calacuccia, wo wir eine recht gute Pizza und ein nicht so gutes dafür riesiges Eis aßen.

Bilder:
Im Wald am Fer à Cheval   Vor der Bergerie de Radule   Auf dem langen Weg zur Paglia Orba (der dicke Klotz rechts hinten)   Rückblick zum Refuge Ciottulu di i Mori   Aufstieg im Schnee zur Paglia Orba   Der Aufstieg im Fels macht richtig Spaß   Der im Schnee der Rinne eher nicht. Hier steige ich grad sehr vorsichtig wieder ab.     Nach dem Regen  

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