Coropuna und zurück nach Arequipa

27.09.2017

Übernachtung: Hotel Tikari, Arequipa, 2340m

Als wir um halb eins zum Frühstück auftauchten - Ralle noch immer gelegentlich hustend - meinten die Ärzte nochmal, Ralle solle nicht gehen. Er fühlte sich aber den Umständen entsprechend gut und damit war klar, dass er den Berg angehen würde. Ich fühlte mich auch den Umständen entsprechend gut (schlafen auf 5500m geht nur solala, meine Hände und Füße waren dick geschwollen und ich hatte keinen Appetit). Wir beide schafften beim Frühstück aber nur eine Tasse Tee und ein paar Minibissen Toast. Das Lunch-Paket liess ich diesmal komplett unten und nahm nur den Tee mit.

Um eins standen wir alle voll aufgerödelt vor den Zelten und es ging los. Gary ging vorn weg, Richie hinterher und Renzzo war irgendwo in der Mitte. Nachdem wir die schöne Sandebene des Hochlagers verlassen hatten, gingen wir komplett weglos. Ich konnte nicht mal Trittspuren erkennen. Entsprechend war das Gehen im Dunklen auch nicht immer einfach. Wir mussten abwechselnd über große Blöcke steigen oder in rutschiger Asche steil hinaufsteigen. Wir bisher auch gab es alle anderthalb Stunden eine Pause.

Aufbruch zum Coropuna
Aufbruch zum Coropuna

Ich fühlte mich (wie bisher auch) anfangs recht wohl, das Gehen wurde aber mit der Zeit und der Höhe deutlich beschwerlicher. Nach der zweiten Pause wurden wir wieder aufgeteilt. Die Steirer Buam und Simon wurden mit Gary vorne weg geschickt, Ralle und ich gingen mit Richie und Rolf kam mit Renzzo hinterher.

Kurz drauf wurde es langsam hell und wir konnten sehen, dass wir nun auf einem immer steiler werdenden Rücken zwischen zwei Gletscherzungen aufstiegen. Wir stiegen auf dem Rücken bis zum höchstmöglichen Punkt, der ohne Kraxeln zu erreichen war. Dort legten wir Steigeisen an, packten die Stöcke weg und nahmen die Pickel.

Steiler Anstieg
Steiler Anstieg

Die nächsten hundert Höhenmeter waren extrem hart. Das Gelände war sehr steil und der Gletscher bestand aus frisch überschneitem Büßereis (glücklicherweise waren die Penitentes nicht allzu hoch). Man konnte die Füße zwar ganz gut zwischen die Penitentes setzen, aber der Pickel versank meistens in irgendeinem Büßereis-Loch und war somit als Aufstiegshilfe kaum zu gebrauchen. Der Aufstieg war plötzlich unendlich anstrengend und ich wurde entsprechend langsam.

Rückblick den Steilanstieg runter
Rückblick den Steilanstieg runter

Als wir den steilsten Teil hinter uns gebracht hatten schlug Richie vor, den Rucksack liegen zu lassen. Und er stimmte zu, dass ich mit Stöcken gehen konnte, steckte sich aber meinen Pickel an den Rucksack. Ich packte das Wichtigste (Sonnenbrille, Sonnencreme) zum Ralle in den Rucksack und zog alle Jacken an, die die Rucksack hergab (die Daunenjacke und die Simony). Die dreiviertelte Daunenhose hatte ich eh schon an. Richie seilte mich an.

Ohne Rucksack und mit Stöcken war es wieder leichter zu gehen, aber es war trotzdem total anstrengend. Ich versuchte langsam aber dafür gleichmäßig zu gehen, aber das gelang nur mäßig gut. Ich brauchte allenaselang eine Verschnaufpause. Ralle und Richie musste natürlich dann auch stehen bleiben und weil es echt kalt war da oben (und ein leichter Wind wehte auch), froren wir alle ziemlich. Ralle hatte auch schon alle Jacken an und zog dann zusätzlich noch den Gator und die Skibrille an.

Auf dem weiten Gipfelplateau
Auf dem weiten Gipfelplateau

Der Berg legte sich gaaaaanz langsam zurück, so dass man nie sah, wie weit es noch war. Mir fiel das Gehen immer schwerer und ich zog mich in Gedanken Stückchen für Stückchen nach oben: "Bis dahin noch, dann höre ich auf. Bis dort noch, dann ist aber Schluss." Und jedes Mal fand ich doch noch ein klitzekleines Bisserl Kraft und ging weiter.

Richie hat mich am Seil
Richie hat mich am Seil

Als wir den Vorgipfel erreichten und den eigentlich Gipfel in etwa einem Kilometer Entfernung sahen, war ich wirklich knapp davor, einfach nur stehen zu bleiben. Zum Gipfel ging es scheinbar geradeaus, aber es war nur eine (deutlich) sanftere Steigung als bisher.

Trotzdem ging das Gehen besser als vorher, allerdings hatte ich so müde Beine, dass ich es kaum schaffte, die Füße mit den Steigeisen zu heben. Da wir inzwischen auf flachem, festen Schnee waren, wollte ich die Steigeisen abmachen, aber Richie sauste sofort zurück und schnallte sie wieder fest. Meiner Erklärung hörte er gar nicht erst zu. Ich bin nicht sicher, ob er da annahm, ich hätte einen Sauerstoffmangel-bedingten Ausfall gehabt. Es wirkte ein wenig so.

So schleppte ich mich mit unendlich müden Beinen bis zum Gipfel. Gerade als wir uns dem letzten Aufschwung näherten, kamen uns Gary und seine Truppe entgegen. Es sei so kalt da oben, sie könnten nicht mehr warten.

Ralle ging die letzten 150 Meter voraus (und in was für einem Tempo!) und machte schon mal Bilder. Und dann war ich tatsächlich oben! Auf dem Coropuna, auf 6436 Meter!

Oben! Hinten kommen Renzzo und Rolf.
Oben! Hinten kommen Renzzo und Rolf.

Die Aussicht war --- nicht beeindruckend. Wir standen auf einem weiten Plateau, das von Wolkenschwaden umwabert wurde. Irgendwo hinter den Rändern des Plateaus war weit unten schon irgendwelche Landschaft zu sehen, aber wegen der Wolken sahen wir nicht viel davon. Und das war ja eh so weit unter uns, dass es aussah wie aus dem Flugzeug. Vor uns wären (ein Stück entfernt) immerhin Ampato, Hualca Hualca und Sabancaya zu sehen gewesen, allerdings ließen die Wolken nur einen sehr kurzen Blick zu.

Aussicht.
Aussicht.

Es war echt saukalt da oben, deswegen blieben wir auch nicht lang. Wir brachen auf, als gerade Rolf und Renzzo ankamen.

Rückweg übers Gipfelplateau
Rückweg übers Gipfelplateau

Die kurze Pause hatte immerhin so viel Erholung gebracht, dass ich im Flachstück (das ja jetzt leicht bergab ging) immerhin die Füße wieder heben konnte. Der Abstieg über die immer steiler werdende Flanke war problemlos, ich fing sogar schon fast an, mich wieder wohl zu fühlen.

Abstieg mit blick runter bis zum Lager
Abstieg mit blick runter bis zum Lager

Am Rucksack bekam ich meinen Pickel zurück, Richie ließ sich aber überreden, dass ich auch den restlichen Abstieg mit Stöcken machen durfte. Am Seil blieb ich aber. Der Abstieg durchs Steilstück war einfacher als erwartet, weil sich inzwischen schon fast sowas wie eine Spur gebildet hatte.

Abstieg durchs Steilstück
Abstieg durchs Steilstück

Kurz bevor wir aus dem Gletscher wieder in die Steine wechselten, trat ich dann mit dem linken Fuß in ein Penitentes-Loch unter dem Neuschnee und das knickte das kaputte rechte Knie vollständig ab. Der Schmerz war anfangs immens, so als hätte mir jemand ein Messer mitten durchs Knie gejagt. Ich fiel und rollte mich sofort ab, um die Last vom Knie zu kriegen. Dann blieb ich erst mal liegen und überlegte, ob ich nun überhaupt wieder aufstehen können würde.

Richie hatte mich mit dem Seil abgefangen, vermutlich wäre ich aber auch ohne das Seil nicht allzu weit gepurzelt. Ich stand vorsichtig auf und bewegte das Knie. Der Schmerz hielt sich in Grenzen, ein gutes Zeichen. Ich stieg zurück in die Spur und konnte bis zu den Steinen absteigen. Dort legten wir die Steigeisen ab.

Der weitere Abstieg war langsam und anstrengend und elendslang. So lang ich das Knie nicht allzu weit beugte, tat es nur wenig weh. In solch blockigem Gelände (teilweise zumindest) kann man aber 'minimale Kniebeugung' nur bedingt durchhalten. Ich war jedenfalls noch langsamer als sonst (das will was heißen), deswegen liefen mir Richie und auch Ralle, der mein Tempo im Abstieg ja eigentlich kennt, immer wieder davon und mussten warten.

Die Wegfindung ist nicht einfach
Die Wegfindung ist nicht einfach

Irgendwann schafften wir es aber doch bis ins Lager (man sah das ständig und zwischendurch verlor ich schon fast den Glauben, da heute noch anzukommen). Die Anderen saßen schon bei Bier und Cola beieinander, Rolf und Renzzo kamen kurz drauf im Lager an. Alle hatten den Coropuna geschafft, tolle Leistung, auch von Richie, Renzzo und Gary, denn wenn die keine Lust gehabt hätten, uns da alle hochzubringen, wäre mindestens ich da nicht gewesen.

Simon gab Ralle nachträglich dann noch die medizinische Freigabe für den Berg und meinte, er hätte sich geirrt, Ralle sei ganz und gar fit genug gewesen. Ich fand das großartig.

Es gab Mittagessen (wie üblich Suppe, Hauptessen, Nachtisch - ich nahm aber nur Suppe, die dafür gleich zwei Mal), dann organisierte Richie die Trinkgeld-Übergabe-Zeremonie. Wir hatten seit dem Hualca Hualca mehr oder weniger dasselbe Team gehabt, und die hatten uns wirklich toll unterstützt. Alle klatschten bei jeder Übergabe, ich konnte aber nicht erkennen, ob die Jungs zufrieden mit dem Trinkgeld oder auch nicht waren. Es war jedenfalls einfacher als in Afrika, weil wir davon ausgehen konnten, dass Richie die passende Summe ausgewählt hatte.

Trinkgeld-Verteilung
Trinkgeld-Verteilung

Danach leerten wir die Zelte und fingen an abzusteigen, während das Team das Lager abbaute. Die paar Meter aus der Hochlager-Senke raus schaffte ich beinahe nicht und der Abstieg zum Jeep war unendlich anstrengend. Das Knie war inzwischen etwas angeschwollen und hatte sich übers Mittagessen ans Nichtstun gewöhnt und schmerzte mehr als den Abstieg vom Coropuna runter. Allerdings hielten sich die Beschwerden so weit in Grenzen, dass ich mir kaum mehr Sorgen machte.

Ralle und ich fielen bald sehr weit hinter die Anderen zurück. Nur Rolf war genauso langsam wie wir.

Abstieg zum Jeep
Abstieg zum Jeep

Wir wurden wieder in zwei Gruppen in den Jeep geladen und zur Abzweigung gefahren, wo Armando mit dem Bus auf uns wartete. Ich hatte eigentlich erwartet, im Bus direkt in Tiefschlaf zu fallen, aber ich war erstaunlich wach. Wir durchfuhren Chucubamba, wo wir gestern (vor einem halben Jahrhundert, kam es mir vor) gefrühstückt hatten und schraubten uns - zum Schluss in der Dämmerung - in vielen Kehren durch die Kakteen-Wiesen hinab zum Fluss.

Warten auf den Jeep
Warten auf den Jeep

Es war geplant, irgendwo etwas zu Abend zu essen, doch die Guides konnten sich nicht so recht einigen, was und wo. Wir durchfuhren ein paar Dorfzentren und hielten schließlich vor einer Hendl-Braterei. Das Essen dort war einfach aber viel und gut.

Die Weiterfahrt verschlief ich bis Arequipa, wo wir gegen Mitternacht im Hotel Tikary ankamen. Ralle und ich bekamen wieder 'unser' schönes Zimmer und fielen nach einer wunderbaren Dusche in den schönen weichen Betten in Tiefschlaf.

Bilder:
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