Dein Browser kann leider nicht vernünftig mit CSS umgehen. Den Inhalt siehst du, das Design dagegen ist futsch.

Dienstag: 11.09.2018: Jungfrau

Sonntag, September 23, 2018

Ich schlief nicht gut, weil ich einen schrecklich trockenen Hals hatte und weil die Matratze auf den Holzbrettern so hart war, dass mir die Hüfte weh tat, wenn ich auf der Seite lag. Ich lag also dauernd auf dem Rücken ... und schnarchte fürchterlich, wie mir der beste Allgäuer von Allen in der Früh mitteilte. Tja, was soll man da machen? Ich hatte jedenfalls einen trockenen Hals, hustete dicken Schleim und hatte Halsweh.

Frühstück gab es erst ab 5:30h, was für Westalpentouren relativ spät ist. Wir hatten am Vorabend lang diskutiert und uns dann für die Jungfrau entschieden, obwohl das die längste Tour in der Gegend ist und wir noch überhaupt nicht akklimatisiert waren. Aber wir dachten, die würden wir hinkriegen, bei den anderen Möglichkeiten waren wir uns nicht so sicher.

Nach dem Frühstück (eine Schale Kaffee, ein Brot - es hätte allerdings auch mehr gegeben) waren wir wie üblich die letzten, die von der Hütte Richtung Jungfrau marschierten. Es war hell genug, dass wir keine Stirnlampe benötigten und wir konnten schon sehen, dass der Tag grandios werden würde. Kurz vor der Station Jungfraujoch verließen wir die Pistenraupenspur und stiegen zum tiefsten Punkt des Jungfraufirns hinab.

Zum felsigen Ausläufer des Rottalhorns führte eine deutliche Spur. Der Weg auf und durch die Felsen war anfangs auch recht deutlich. Erst den steilen Dreck-Eis-Kegel hinauf, dann durch Schutt und eine Rinne zum Regenmesser. Danach kam ein wenig Gehgelände und eine weitere Rinne (zu der steht im Westalpenbuch III, das ist also die schwerste Stelle). Und da wurde das Gelände dann unübersichtlich.

Wir brauchten eine Weile, um rauszufinden, wo der Weg weiter ging, denn vor uns hatten schon viele Leute gesucht und es gab Steigeisen-Kratzspuren und Fußspuren in alle Richtungen. Nachdem wir die Beschreibung nochmal gelesen hatten, nahmen wir den Weg nach links und lagen richtig :-)

Wir querten in gleichbleibender Höhe bis fast zum Gletscher und stiegen dort auf glattgeschliffenen Felsen bis auf den Rücken des Ausläufers auf. Es gab gelegentlich Steinmänner und wir schauten immer wieder zurück, um uns hoffentlich den Rückweg gut einzuprägen. Oben musste ich meine Füße verpflastern, weil die harten Stiefel links innen und rechts an der Ferse zu drücken anfingen. Es war eh Zeit für eine Pause und etwas zu trinken.

Der Weg über den Rücken bis zum Firn unter dem Rottalsattel hatte von unten eher kurz und fast schon bequem ausgesehen. Das täuscht. Der Rücken ist ziemlich steil und der Weg ist lang. Dass man das Ziel - den Sattel - immer vor Augen hat, hilft dabei natürlich überhaupt nicht. Immer wenn man hinschaut, ist man kein Stück näher gekommen, obwohl der Blick nach unten bestätigte, dass wir uns tatsächlich bewegten.

Ein Bergführer mit Gast hatte vor dem Rottalsattel umgedreht und kam uns entgegen. Ein anderer Bergführer mit Gast kam gerade den steilen Eisbruch vom Rottalsattel runter. Vor dem hatte ich mich bei der Planung der Tour etwas gefürchtet, weil der - abhängig davon, wo man über die Randkluft kommt - schon ordentlich steil sein kann und wir hatten nur Pickel dabei, keine Eisgeräte. Wir schauten den beiden interessiert zu.

Der Weg führte deutlich rechts der steilsten Stelle über ein kurzes sehr steiles Stück direkt über der Randkluft und dann fast moderat steil hinauf zum Sattel. Das sah machbar aus, auch wenn der Bergführer jammerte, er hätte die falschen Steigeisen mit den kurzen Zacken dabei. Also so kurz sahen die nicht aus. Meine sind viel kürzer, da schauen vielleicht 2cm der Frontzacken unter dem Schuh raus.

Wir machten nochmal Pause und stiegen dann ein. Der beste Allgäuer von Allen ging vorne weg und stetzte an der unangenehmsten Stelle, da wo man an einem abdrängenden senkrechten Eiswall vorbei musste, eine Eischraube. So konnten wir schon mal nicht gemeinsam in die Randkluft fallen, das war nett. Dann stiegen wir problemlos zum Rottalsattel auf. Es hatte sehr hohe Stufen und eine Spalte in der Mitte.

Vom Sattel zur Jungfrau muss man ein Stück im Firn zum Felsgrat queren und kann dann ein ganzes Stück des Aufstiegs auf schönem festen Fels zurück legen. Wir legten die Steigeisen dafür nicht ab, ich steckte mir aber den Pickel hinter den Rucksack, um die Hände frei zu haben. Der beste Allgäuer von Allen verwendete den Pickel dry-tooling-mäßig zum Klettern. Beides funktionierte gut.

Nach dem Felsgrat kam wieder Firn und Eis über den Jungfraurücken hinauf. Das war zwar ordentlich steil, aber es hatte eine gute Spur. Dieses letzte Stück war dann sehr anstrengend. Nachdem wir dann über die Gipfelfelsen gegangen waren, waren wir tatsächlich oben. Ohne vernünftige Akklimatisation, trotz Wegsuche und obwohl ich mich vor dem Rottalsattel echt gegrault hatte. Ta-Daaa!

Wir waren natürlich nicht allein. Nach uns waren noch 3 2er-Gruppen gekommen, von denen uns 2 im letzten Steilstück überholt hatten. Wir liessen uns Zeit da oben und schauten uns gründlich um und genossen die Aussicht.

Im Abstieg waren wir die letzten, was mir ganz Recht war, denn ich mag mich sowo nicht hetzen lassen (und Schnellere hinter einem hetzen immer, egal was sie sagen und wie geduldig sie sind). Der Abstieg über den steiler werdenden Firn- und Eisrücken war etwas gruselig (erst Eis, dann 3 Felsen, dann Nichts), aber es hatte gute Stufen.

Abklettern mit den Steigeisen war dann echt lästig und wir wechselten im unteren Teil in den Schnee. Diese Idee war allerdings nur so mittelgut. Das war tatsächlich vor allem Schnee und er war weich und trug nicht gut und unten war natürlich wieder ein Abbruch. Wir kamen aber ohne Zwischenfälle runter und standen bald im Rottalsattel.

Die hohen Stufen konnte ich freundlicherweise mit dem guten Knie oben absteigen, dafür war aber das Loch an der Spalte größer geworden und ich musste einen unangenehmen Schritt mit dem kaputten Knie hinlegen. Ging aber.

Ich war vorn und setzte über der Randkluft 2 Eisschrauben. Die Steilstelle war inzwischen ziemlich unangenehm, weil das Bröseleis auf der Oberfläche nicht mehr gut hielt (ich jammerte innerlich auch über die kurzen Zacken).

Der beste Allgäuer von Allen sammelte die Eischrauben ein und benötigte die Zweite dann auch, denn er rutschte im Bröseleis aus und hing dann an der Schraube knapp über der Randkluft. Über der Schneebrücke zwar, aber die Schraube da war schon gut. Sein Pickel rutschte dabei in die Spalte und blieb im oberen Teil liegen. Er musste also auch noch ein Stück in die Spalte absteigen, um den Pickel zu bergen. Das war aber kein Problem, er war ja an der Schraube gesichert und weit war es auch nicht. Schlecht wäre gewesen, wenn der Pickel verschwunden wäre.

Wir machten nochmal kurz Pause, um etwas zu trinken (inzwischen hatten wir schrecklichen Durst, aber wir hatten nur einen Liter Marschtee dabei, das reicht nicht sehr weit), dann stiegen wir ab. Es hatte eine sehr steile Spur den Gletscherbruch hinab und wir hatten uns diese Spur schon die ganze Zeit angesehen und diskutiert. Da ginge der Abstieg sehr schnell und wir würden uns ein paar Höhenmeter sparen, wenn wir dann durch die Station gehen würden. Aber es war halt steil und irgendwo runter gehen, wo man nicht raufgegegangen ist, kann auch Überraschungen bedeuten.

Wir nahmen den Abstieg, er sah einfach zu verlockend aus. Im Endeffekt war der Gletscherbruch weniger steil als der steilste Teil zur Jungfrau hoch und er hatte viel bessere Tritte. Genau genommen war das festgetretener Pulverschnee, was man gut merkte, wenn man mal daneben trat. Dann sackte man ganz schön durch. Und der Pickel war auch nicht anwendbar, der versank meistens einfach.

In der Mitte war eine beeindruckende Spalte zu queren und weiter unten war es zwei Mal total glatt. da mussten wir rückwärts abklettern und dass meine Steigeisen so kurze Zacken haben, machte sich da unangenehm bemerkbar. Das war aber alles problemlos zu meistern, nur mein Knie meldete sich auf halbem Weg und beschwerte sich bitterlich über die fehlende Unterstützung durch Pickel oder Stöcke.

Als wir aus dem Gletscherbruch raus waren und wieder auf dem ganz normalen Jungfraufirn standen, wechselten wir auf Stöcke. Mein Knie freute sich wirklich sehr.

Kurz nach dem Losgehen bekamen wir dann einen Mordsschreck, denn aus der Wand von der Jungfrau zum Jungfraujoch brach ein riesiges Stück vom Hängegletscher ab und donnerte mit Getöse nach unten. Es gab eine riesige Staubwolke und wir waren uns ganz und gar nicht sicher, ob wir jetzt in eine Staublawine geraten würden, dabei standen wir mindestens 200 Meter vom letzten Eisbrocken weg auf dem wirklich flachen Firn. Wegrennen kann man da ja auch nicht wirklich, also standen wir nur staunend da und sahen zu. Die Staubwolke legte sich schnell und kein Bröckchen Eis fiel weiter als die alten Brocken, das war schön. Wir waren allerdings anfangs so überwältigt, dass wir das Fotografieren vergaßen.

Der Weg zurück war dann eine Tortur. Einerseits, weil wir fürchterlich Durst aber nichts mehr zu trinken hatten und andererseits, weil das halt ein elendslanger Hatsch ist. Erst mal mussten wir zurück zur Station Jungfraujoch. Da ging es in relativ weichem Schnee rauf und runter und am Ende nochmal steil hoch zur Aussichtsplattform, wo natürlich haufenweise Leute rumstanden und zusahen, wie wir erst da hinauf keuchten und uns dann vom Seil und Gletscherzeug befreiten. Und dann schauten sie uns zu, wie wir mit den dicken Rucksäcken durch die Station liefen.

Wir gingen als erstes ins Restaurant, kauften was zu trinken und setzten uns. Boah! Was für eine Wohltat!

Der Weg zurück zur Mönchsjochhütte über die völlig aufgeweichte Pistenraupenspur war dann noch schlimmer. Da ging es nur bergauf und es ist noch dazu echt langweilig. Selbst der beste Allgäuer von Allen, meinte, dass wir jetzt dann aber endlich mal da sein könnten. Und irgendwann war es dann so weit: wir waren da! Nach 11:25h! (Im Westalpenbuch stehen 8 1/2 Stunden vom Jungfraujoch aus, so gesehen waren wir gar nicht sooooo langsam.) Uff!

Wir wuschen uns wieder mit den Tüchern und dann war es auch schon Zeit für’s Abendessen. Diesmal war die Hütte deutlich weniger voll. Wir saßen mit 2 Schweizern an einem Tisch, aber abgesehen von den üblichen Dingen beim Essen, unterhielten die sich und wir uns. Wir versuchten wieder, so viel wie möglich zu trinken, aber das ging natürlich nur bedingt.

Wir überlegten, wo wir am nächsten Tag hingehen wollten. Zur Auswahl standen Großes Fiescherhorn und Eiger. Nachdem das Ewigschneefäld so ewig ist und sich die Jungs gestern positiv über den Eiger Südgrat geäußert hatten, fiel die Wahl auf den Eiger, auch wenn da im Westalpenbuch steht, dass der Grat echt lang ist und wegen der vielen Auf- und Abschwünge viel Zeit braucht.


Im ersten Licht vor der Hütte


Jungfrau und Rottalhorn im Morgenlicht


Rückblick auf die Station und den Mönch


Vor dem Einstieg zum Felsgrat


In der Schlüsselstelle der Kletterei


Auf dem Weg über die glatt geschliffenen Felsen


Auf dem Rücken zum Rottalsattel


Vor dem Rottalsattel


Im Rottalsattel vor dem Rottalhorn


Drytooling im Jungfraugrat


Tiefblick (der Pickel hinterm Rucksack muss justiert werden)


Die letzten Meter vor dem Gipfelaufbau


Auf dem Weg zum Gipfel


Oben!


Ausruhen und genießen :-)


Tiefblick auf den Aletschgletscher


Im Abstieg


Vor dem Abstieg durch den Gletscherbruch


Querung der großen Spalte in der Mitte


Rückblick den Gletscherbruch hinauf


Abklettern durch eine der glatten Passagen


Nochmal abklettern


Rückblick auf den Abstieg


Auf dem Weg zur Station


Der lange Weg zur Mönchsjochhütte


Die letzten Meter .... sooo anstrengend!

Von engel am 23.09.2018 07:56 • outdoorbergeis

Das liest sich wie ein Krimi! Gratuliere zu diesem Gipfel Toll!!!

[1] Von Sabine am 23.09.2018 19:45

Interessanter Bericht und tolle Leistung! Gratulation! Und schöne Bilder!

[2] Von I.K. am 23.09.2018 21:53

Danke, Sabine :-)
Danke, Mama :-)

[3] Von engel am 24.09.2018 06:04

Name:  

E-Mail:  

URL:  

Angaben merken?

Nachricht bei weiteren Kommentaren?

Reiseberichte

Bücher :-)

Letzte Einträge

Letzte Kommentare


Have fun!