Zur Abwechslung sollte mal ein wunderbares Sommerwochenende stattfinden (im Gegensatz zu den letzten vielen Wochenenden dieses Sommers, wo ja mindestens ein Tag - meistens Samstag - völlig verregnet war), also gab es auch wunderbare Touren :-)
Am Samstag starteten wir recht früh nach Ehrwald, wo wir ungefähr zum Start der Ehrwalder Almbahn unser Auto abstellten. Natürlich nicht, um mit der Bahn hinaufzufahren, trotz des netten Schildes am Anfang der Almstrasse ;-)

Schild an der Ehrwalder Almbahn
Unsere Tour sollte ‘by fair means’ stattfinden, deswegen luden wir die Bikes aus dem Auto und starteten radelnderweise hinauf zur Ehrwalder Alm. Nicht allein übrigens, mit uns waren Heerscharen von Menschen unterwegs, von denen die allermeisten geradewegs auf die Bahn zusteuerten. Ein paar andere allerdings radelten mit uns die Almstrasse hinauf. Viele Mountainbiker, die uns alle abhängten, und ein paar radelnde Bergsteiger, die mehr oder weniger gleich langsam waren ;-)
Eigentlich sind wir ja gern relativ einsam unterwegs, aber in der kitschig schönen Umgebung von Ehrwald, wo man links neben der imposanten Mauer des Wettersteins entlang radelt und rechts immer wieder wunderbare Einblicke in den Kessel des Seebensees in den Miemingen erhält. Sowohl Wetterstein als auch Mieminger sind gewaltige Steinhaufen, das ist für Allgäuer, die Berge mit steilen grasgrünen Flanken gewöhnt sind, schon ziemlich besonders.

Der erste Blick auf die Ehrwalder Sonnenspitze
Das Licht dieses wunderschönen klaren Tages trug natürlich auch dazu bei, die Landschaft ganz besonders beindruckend erscheinen zu lassen. Es zauberte Farben, die mit der Kamera kaum einzufangen waren. Wir radelten von einem Postkartenmotiv ins andere (Naja, von den Bauarbeiten zu neuen Pisten auf der Ehrwalder Alm mal abgesehen, das war nicht so malerisch.). Kein Wunder also, dass es ausser uns noch Myriaden anderer Menschen hierher zog.

Die Wand des Wetterstein-Massivs
Ab der Bahnstation der Ehrwalder Alm radelten wir mehr oder weniger an einer Schlange Menschen vorbei, von denen erstaunlich viele mit Kletterzeugs am Rucksack unterwegs waren. Bisher waren wir davon ausgegangen, dass wir spätestens nach der Coburger Hütte wenigstens einigermassen allein unterwegs sein würden, weil sich da dann vielen Spaziergänger und Seewanderer ihr Ziel erreicht hätten. Nun fragten wir uns aber ernsthaft, ob wir wohl in einer Schlange den Gipfel erklettern würden. Gut, dass wir Helme dabei hatten.

Wir nähern uns dem Seebensee
Zwei Bergsteiger-Biker, mit denen wir uns schon eine Weile immer wieder in der Führung abwechselten (je nachdem wer grad die meisten Fotos machte, war hinten), klärten uns dann auf. Ob wir auch den Tajakopf-Klettersteig machen wollten? Ach, da ist ein Klettersteig? (Vielleicht beim nächsten Mal intensiver den Führer lesen.) Nein, wir wollen auf die Ehrwalder Sonnenspitze.

Die Sonnenspitze über dem Seebensee
Wir stellen die Räder an der Materialseilbahn der Coburger Hütte ab und genossen die Postkartenlandschaft bei einer kleinen Pause.

Der Wetterstein über dem Seebensee
Kurz nach der Materialseilbahn fand dann tatsächlich ein signifikanter Leute-Schwund statt. Die meisten bogen zum Klettersteig ab, den man ganz gut anhand der bunten Menschen an der Kante verfolgen konnte. Merken: Wenn Tajakopf-Klettersteig, dann deutlich vor der Bahn oben sein! Der Klettersteig sieht nämlich ganz interessant aus.
Nach der Coburger Hütte gingen dann wie erwartet wirklich nur sehr wenige Leute unseren Weg. Wir spazierten noch eine knappe Viertelstunde auf die Biberwierer Scharte zu und bogen dann an einem markierten Stein auf den schmalen aber gut erkennbaren Weg zur Sonnenspitze ab. Vor dem Geröllfeld behelmten wir uns und stiegen ein.

Rundblick
Der ungezeichnete Steig führt zunächst das Geröllfeld hinauf, dann linkshaltend über Schrofen bis zu Felsen und der ersten kleinen Rinne. Rechtshaltend gelangt man zu einer zweiten Rinne, in der sich die erste der insgesamt eher spärlichen aber an allen wichtigen Stellen deutlich angebrachten Markierungen und Sicherungsmöglichkeiten befindet.
Wir standen gerade in dieser zweiten Rinne, Ralle etwa 5 Meter über mir, als über uns ein Absteiger auftauchte und wohl abwarten wollte, bis wir die Rinne verlassen hatten. Plötzlich ratterte direkt über uns eine kleine Steinlawine los, losgetreten von dem Absteiger. Der Ralle konnte sich nicht mal ducken, als das Zeug breitgefächert in die Rinne rasselte. Ein Stein donnerte direkt auf seinen Helm, ein anderer traf ihn am Arm. Ich duckte mich unter meinen Rucksack so gut es ging und bekam nichts ab.

In der zweiten Rinne
Erst mal schimpften wir natürlich heftig, aber der Absteiger war selber ganz geschockt und entschuldigte sich vielmals. Noch nie sei ihm sowas bisher passiert und es täte ihm unendlich leid. Ich glaube, wir waren alle froh, dass wir die Helme dabei und vor allem auf dem Kopf hatten.
Im weiteren Verlauf der Route gehtg es meist unschwierig (I oder I+) über plattiges und/oder schrofiges Gelände, im Grossen und Ganzen eher rechtshaltend, bis man in eine weitere, deutlich grössere und breitere Rinne gelangt. In dieser Rinn stiegen gerade 2 Bergsteiger wieder ab. Die hatten wir schon mal gesehen, meinten wir. Aber nicht so weit vor uns, dass sie schon am Gipfel gewesen sein konnten. Die stiegen wohl ab.
So war es. Die beiden Frauen hatten in der Rinne direkt vor uns (die tatsächlich einigermassen schwierig aussah) beschlossen, dass ihnen das Ganze ungesichert zu schwierig sei und waren umgekehrt. Damit hatten sie bestimmt recht, denn wiederkommen geht immer und mit einem unsicheren Bauchgefühl tut man sich nichts Gutes.

Rinne vor der Drahtseil-Querung
Wir stiegen in die Rinne ein und es war tatsächlich nicht allzu leicht (II oder II+), da alle Griffe und Tritte nach unten geschichtet und marmorblank gescheuert waren. An einem grossen Block in der Rinne befand sich ein eiserener Bügel, den ich wirklich gern benutzte.
Kurz drauf führt der Weg nach links an einem Drahtseil entlang recht luftig aber überhaupt nicht schwierig wieder aus der Rinne hinaus und dann über plattiges Gelände bis auf ein Band. Dort warteten 5 Bergsteiger mit Klettersteigsicherungen (in der Karte steht da lapidar ‘Klettersteig’, da kann man ohne den Führer gelesen zu haben, schon mal durcheinander kommen), die ihnen in dieser Route sicherlich nicht wirklich geholfen hatten, auf uns.

In der Schlüsselstelle
‘Noch eine halbe Stunde bis zum Gipfel.’, meinten sie. Das war reichlich übertrieben. Nach einer Viertelstunde leichter Schrofenkletterei standen wir auf dem Vorgipfel und hatten eine Superblick auf das einsame Gipfelkreuz vor dem imposanten Wetterstein-Massiv.

Luftige Querung zum Gipfel
Eine luftige Querung noch, dann hatten wir die ganze Sonnenspitze für uns allein. Hach!

Am Gipfel
Der Zustand hielt nicht lang an. 10 Minuten später kamen erst 2, dann noch 2, dann 3 und schliesslich nochmal 2 Leute. Die ersten beiden waren total witzig, ein Münchner Original so um die 60, obermegacool mit Almöhi-Bart und lässigen Sprüchen und eine übersprudelnde kleine Italienerin. Die beiden unterhielten alle anderen.
Da wir ja die ersten oben waren, war es wohl auch logisch, das wir als erste wieder gingen. Der Abstieg über die Nord-Ost-Seite sollte laut Führer nicht ganz so schwer sein wie der Aufstieg über die Südwand. Wird schon stimmen, dachten wir und stiegen ein. Der Weg war sehr gut gekennzeichnet, was bei der komplizierten Wegführung in den Schrofen oben sehr praktisch war. Und schwer war nur eine Stelle.

Im Abstieg
Kurz vor dem See teilte sich der Weg. Wir nahmen den, der direkt auf den Seebensee zuführte, was vielleicht nicht ganz richtig war, denn wir mussten ein Stück weit buchstäblich durch den Latschengürtel krabbeln. Danach aber landeten wir an der Südseite des Seebensees, fast bei der Materialseilbahn.

Pause am Seebensee
Wir gönnten uns noch eine kleine Pause am See, noch so ein bisserl Sommer geniessen, mit den Füssen im Wasser und Sonnen im Gras. Letztes wurde dann abrupt von einem kleinen weissen Hund unterbrochen, der aufgeregt in Mordstempo auf unsere kleine Wiese sauste, um uns herum witschte und dann wieder verschwand. Wenn man so im Halbschlaf rumliegt und dann schnauft plötzlich von hinten was heran und schnüfft einen an, da steht man dann fast senkrecht!
Aber es war eh Zeit zum Gehen, wir wollten ja noch einkehren. Die Jausenstation Seebenalpe liegt nur wenige Meter unterhalb des Seebensees und hatte am Samstag einen Super-Kuchen da (Haselnuss-Kirsch mit Schokolade). Sehr empfehlenswert.

Abfahrt
Die Abfahrt nach Ehrwald ging kuchengestärkt trotz der paar Gegenanstiege dann doch ganz fix, auch wenn es wie immer extrem schwierig war, die Beine nach der Pause zum Weiterradeln zu bewegen ;-)
Nachtrag:
Fast vergessen, aber Ehre wem Ehre gebührt!
Bei Walter Möhrle gibt es zwei Fotos, in denen der Aufstieg und der Abstieg sehr schön eingezeichnet sind. Das erleichtert die Wegfindung trotz Karte und Führer doch um einiges.
Das Schild ist ja wirklich blöd, die wollen einem den Hauptspaß nehmen, geht jo garnich! Und weiter sieht (mal wieder) aus wie ne Traumtour bei Traumwetter, der Besuch am See rundet die Sache optisch so schön ab. Find ich. Konnt ma dort nicht baden?
Ach, so blöd finde ich das Schild gar nicht, Andi, eher witzig. Die, die radeln wollen tun das eh und die, die das Schild beeinflussen würde, wollen eh in die Bahn.
Baden? Naja, das ist ein Bergsee, der hat Bergsee-Temperaturen, absolut Engel-untauglich ;-) Es gab allerdings Leute, die rein sind. Kurz allerdings. Wir haben immerhin die Füsse gebadet, hat auch was. Die Fahrt zum See und dann auf die Hütte zum Kaiserschmarrn-Essen wär was für Ilona und Dich, das ist er reine Genuss da!
Hallo!
Schöner Bericht! Am Parkplatz sagte ich auch: “Mit dem Bike da rauf wäre die Ideallösung…”. Aber da wir aus dem Montafon kamen und die Sonnenspitze ursprünglich gar nicht vor hatten, standen die Bikes zuhause im Keller. Schön war´s trotzdem und den Gipfel hatten wir auch für uns alleine ;-)
lG Andi
Dann hat das mit dem Kommentar bei Dir doch geklappt, AndiR :-) Ich war unsicher, da kamen nur Fehlermeldungen.
Stimmt, ich fand die Bike-Lösung auch ideal :-)
Danke für diesen anschaulichen und objektiven Bericht.
LG, Felix
Danke :-)