Eigentlich hatten wir schon so halb geplant, über die freien Tag an Ostern ins Ötztal zu fahren und von der Martin-Busch-Hütte aus ein paar Ski-Hochtouren zu gehen. Uneigentlich graute uns ein bisserl davor, wie voll es sein würde. Wir entschieden uns ziemlich schnell für das Allgäu, denn tolle Touren gehen hier auch und genau genommen sind Touren vom Tal aus viel anspruchsvoller, weil weiter und anstrengender. Und ‘alleiniger’ wären wir hier garantiert auch.
Für den Freitag hatten wir uns den kleinen Rosszahn ausgesucht. Wenn jetzt alle ausser den absoluten Gebietskennern verwundert die Köpfe schütteln, dann ist das kein Wunder. Der ist am Rosskar weit weit links hinten im Schwarzwassertal (zwischen Vorderhornbach und Weissenbach). Wenn man nicht grad eine Forststrassengenehmigung für sein Auto hat, dann ist schon der Zustieg beachtlich, nämlich 10 Kilometer in eine Richtung. Ganz klar ein Fall für Frühjahr und Mountainbikes. Und Minis :-)

Weil die Tour recht lang ist, 1400 Höhenmeter, 10 Kilometer ‘Zustieg’ und auch danach noch viel Weg, wollten wir recht früh los. Geplant war, mittags am Gipfel zu sein. Frühstück war um 4:30h, um 7:30h radelten wir an der Lechbrücke zwischen Weissenbach und Forchach los. Brrrr! Es war eiskalt die ersten Kilometer, wo es nur mehr oder weniger geradeaus am Lech entlang nach Westen ging.

Schliesslich zweigte der Weg ins Schwarzwassertal ab. Endlich bergauf! Bevor uns aber warm werden konnten, erstarrten wir vor Schock: Die Forststrasse ins Schwarzwassertal, eine breite gut ausgebaute Schotterstrasse, die allem Anschein nach häufig mit Autos befahren wird, ist für Fahrräder gesperrt. Gesperrt!
Wir diskutierten nur kurz, befanden die österreichischen Behörden für unzurechnungsfähig (wo Autos fahren, können auch Fahrräder fahren ohne Schaden anzurichten) und radelten weiter. Mit ein klein wenig schlechtem Gewissen, das aber mehr als recht von der zu erwartenden Kraft- und Wegersparnis des langen Tals aufgewogen wurde. Und ja, wir wissen, dass es verdammt teuer werden kann, österreichische Verbotsschilder zu missachten!
Der Weg ins Tal hinter rechtfertigte unsere Entscheidung voll und ganz. Auf der 1:50.000 Karte, die wir von der Gegend haben, hatten wir uns komplett verschätzt. Wir dachten, nach etwa 1 1/2 Stunden an der Abzweigung zum Rosskar zu sein, nach 2 1/2 Stunden waren wir schliesslich da. Dass wir uns einmal bei einer Abzweigung verhaut hatten, zwischenzeitlich eisige und schneebedeckte Teilstücke zu überwinden gewesen waren und ich wegen des schweren Rucksacks einmal mitsamt dem Bike umgefallen war (was wunderschöne blaue Flecken ergab, die inzwischen etwa so aussehen, als müsste mir demnächst das faulende Fleisch amputiert werden), trug natürlich auch zur Verzögerung bei.
Bei der Abzweigung versteckten wir unsere Bikes zum zweiten Mal (das erste Mal war beim Verhauer an der falschen Abzweigung) tief im Wald (sicher ist sicher, man weiss ja nie, ob nicht ein rechtschaffener behördentreuer Forstbeamter sich berufen fühlt, die widerrechtlichen Räder zu entfernen) und machten uns zu Fuss auf den Weiterweg.
Erst mal ging es weiter auf einer Forststrasse zum Rosskar hinter. Inzwischen allerdings mehr bergauf als geradeaus. Wir trafen öfter und öfter auf Schnee, doch erst an der letzten Abzweigung sah es endlich so aus, als lohne es sich, die Ski anzuziehen. Noch war alles hart gefroren, doch wir konnten sehen, dass wir zwei Vorgänger hatten. Denen gehörte bestimmt der Kleinbus mit dem lokalen Kennzeichen, der kurz vor der Abzweigung geparkt hatte. Aber von den beiden abgesehen, war hier seit wenigstens 2 Wochen (seit dem letzten Schneefall) kein Mensch mehr unterwegs gewesen.

Genau im ‘Knick’ der Forstrasse, da wo sie wieder nach unten führte, ging es nach links durch die Engstelle eines kleinen Baches, fast schon ein Mini-Tobel. Der Bach weitete sich ein kurzes Stück auf und über den Bäumen konnten wir schon das Versprechen von Bergen und Schnee erahnen, dann ging erneut durch eine Engstelle und wir standen im Rosskar.

Vermutlich liegt es an dem genialen Wetter vom Freitag, dem eisblauen Himmel und der überaus klaren Luft, aber als wir durch diese letzte Engstelle hindurch traten, kamen wir uns vor, als seien wir gerade ins Paradies getreten. Der Blick ins Rosskar von da unten hat etwas Überirdisches. Unabhängig von einander waren wir uns einig, dass allein bis hierher zu kommen es wert gewesen war.
Das Beste war jedenfalls: Es ging noch weiter! Wir stapften auf den kaum zu erkennenden Spuren der Vorgänger durch’s breiter werdende Bachbett auf eine tiefe Rinne im Talschluss zu. Es war ziemlich warm und wir hinterliessen - im Gegensatz zu den Vorgängern - ziemlich deutliche Spuren im weicher werdenden Schnee. Nicht gut. Ein Blick auf die Uhr zeigte Erschreckendes: es war bereits Mittag. Und wir waren noch mindestens 800 Höhenmeter und einige Kilometer vom Ziel entfernt.
Unsere Vorgänger kamen uns locker wedelnd aus der Rinne am Talschluss entgegen. Spät seien wir dran, meinen die beiden eindeutig als Lechtaler zu identifizierenden. Und ja, man könne mit Skiern ganz bis auf den kleinen Rosszahn hinauf. Dann wedelten sie locker auf dem angeweichten Firn zu Tal.

Spät dran. Ohja. Wir merkten es mehr und mehr daran, wie weich der Schnee war. Auf dem Stück aus der Rinne am Talschluss hinaus in den Latschenhang nebendran brachen wir immer wieder durch, was den Aufstieg sehr beschwerlich machte. Als wir im Kar oben ankamen, noch immer etwa 500m unter dem Gipfel des kleinen Rosszahns, waren wir bereits fast 6 Stunden unterwegs. Zeit für eine Pause in traumhafter Landschaft.

Wir betrachteten den Gipfelhang, Südseite, den Schnee um uns herum, der oberflächlich inzwischen schon beinahe weglief, unsere Fersen, die inzwischen vorsorglich verpflastert werden mussten und immer wieder die steile Rinne am oberen Ende des Hanges. Die, da waren wir uns einig, würden wir bei diesem Sulz auf keinen Fall mehr gehen können. Lohnte es sich aber für die Schulter unterhalb des Gipfels die letzte Chance auf halbwegs schönes Abfahren aufzugeben? Und überhaupt, jetzt wo wir in der Sonne und Wärme Tee tranken, lohnte es sich überhaupt noch jemals wieder aufzustehen?
So ohne Aussicht auf einen Gipfel und in der Wärme im wunderschönen Rosskar war es nicht mal dem besten Allgäuer von allen so richtig nach Weitergehen. Mir sowieso nicht, mein heimliches Ziel war das Rosskar gewesen und ich finde 6 Stunden Aufstieg sind gar nicht soooo schlecht. Und ich misstraute dem Schnee. Würde der noch weicher, würden wir auch noch durch die untere Harsch-Schicht brechen und das würde uns die Abfahrt ziemlich vermiesen.
Wir beschlossen also abzubrechen. Der Abfahrts-Spur der Vorgänger wollten wir uns nicht anschliessen. Da wir schon beim Aufstieg durch den Latschenhang so eingebrochen waren, wollten wir uns lieber eine Abfahrt mit weniger Latschen suchen. Wir hatten uns das Kar im Aufstieg ziemlich genau betrachtet und beschlossen und weiter nach rechts zu orientieren um in einer freien flachen Rinne zurück zur Aufstiegsspur zu gelangen.

Unser Plan ging wunderbar auf. Bis auf eine Stelle oben und eine Stelle unten, hatten wir die schönste und längste Abfahrte des gesamten Winters, etwa 10cm sehr sehr weicher Sulz auf einem noch immer tragfähigen Harschdeckel und völlig unberührten Schnee! Wir schwebten geradezu zum Bach hinab - in gebührendem Abstand voneinander, so ganz trauten wir dem Schnee nicht mehr.
Weiter unten im Bach war es dann aus mit dem tragfähigen Deckel und das weitere Abfahren würde ein wenig mühsam, was auch daran lag, dass der Schnee inzwischen derart nass war, dass wir auch bergab schieben mussten. Wir fuhren ab, soweit es die letzten Schneereste zuliessen und gingen den Rest des Weges zu Fuss zu den Bikes. Die fanden wir unangetastet genau da vor, wo wir sie versteckt hatten :-)
Zurück zum Auto benötigten wir fast eine Stunde (kein Wunder, dass wir hinauf so lang gebraucht hatten), insgesamt waren wir gute 9 Stunden unterwegs, lange genug, um uns noch Kaffee und Kuchen in Weissenbach zu gönnen.

Was für ein Tag! Kein Gipfel, aber einsam und wunderschön und lang und einfach nur Wow!
Auch wow…
Einfach nur schön…
und wer suchet, der findet.
Wenn das meine Dohle liest…klingt nach typischer Vogeltour.
Na… eingeborene fahren eben doch - nicht mit erlaubniss - aber mit gespühr - und bei so einer abgelegenen Tour - da darf MANN - FRAU doch ? -:)
also - etwas mehr mut ...und es gibt ganz selten problemchen -:))
das letzte bild - zeigt auf Stanzach…meine heimat !
am Montag war es dann super - ich war zwar nur zum Osterausflug -in Fallerschein ...aber an die 30 dürften die wetterspitze gemacht haben , bei immer noch guten bedingungen !
lg - charly
Macht mal, hawkeye, der Weg ist lang, aber es lohnt sich :-)
Naja, charly, mit dem Auto in eine Strasse mit dem runden rot-weissen Schild einzufahren halte ich dann doch für recht heftig. Das würde ich auf keinen Fall tun, schon gar nicht mit einem deutschen Kennzeichen. Mit dem Radl war das aber durchaus zu vertreten :-)
Und Stanzach: Genau. Ja, Montag wäre wieder ein Skitag gewesen, wir haben uns dann aber für eine Radtour entschieden :-)
Als üppige Bike & Hike-Tour bietet sich der Kleine Roßzahn auch für Sommer/Herbst an. Oben gibts Kreuz mit Gipfelbuch und super Blick zum Hochvogel. Erstaunlich wenig Geröll auf der ganzen Route und den Großen Roßzahn(knapp II) kann man auch noch mitnehmen.
Gruß singer
Den Grat vom Kleinen zum Grossen Rosszahn hab ich mit inzwischen auch schon mal durchgelesen, singer. ‘Wenig Geröll’ klingt sehr fein. Das Rosskar sieht uns auf jeden Fall wieder :-)
Noch als kleiner Nachtrag: Zuerst auf den Großen Roßzahn, die Route rüber zum Kleinen ist dann sehr gut einsehbar und ergibt sich von selbst. In umgekehrter Richtung deutlich unübersichtlicher.
viel Erfolg beim nächsten Besuch im Großen Roßkar
siner
Danke auch für diesen Tipp, singer :-) Ohne ‘Anleitung’ wäre man vermutlich versucht es anders herum zu gehen. Sag ich jetzt mal, ohne in den Lechtal-Führer geschaut zu haben.