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Wallis 2008 - Zwillingsgletscher

Montag, Mai 26, 2008

Auch wenn wir abends nicht mehr viel Zeit gehabt hatten, schon am Vortag war ziemlich klar gewesen, dass die weitere Runde über den Paso di Naso auf die Gnifetti-Hütte bestenfalls unangenehm sein würde. Der Übergang sei fast vollständig blank, meinte der Wirt, gestern sei nur eine Zweiergruppe drüber gegangen.

Beim Frühstück diskutierten wir nochmal die Optionen. Würden wir über den Passo di Naso gehen, müsste nahezu der gesamte Übergang gesichert werden, was bei 10 Leuten eine Endlos-Aktion wäre, die selbst die SAN-typischen Gehzeiten gesprengt hätte. Zurück über den Castor und auf das Rifugio d’Ayas und morgen den Pollux machen war auch nicht allzu ansprechend. Draussen war es zwar schön, aber noch immer windig und den Castor kannten wir jetzt ja und der Pollux als Ziel für den Sonntag war nicht allzu überzeugend. Oder hinauf zum Felikjoch und über den Zwillings- und den Grenzgletscher abfahren, wobei der Zwillingsgletscher ziemlich wüst und spaltig und der Grenzgletscher möglicherweise unten nicht mehr fahrbar war.

Variante eins fiel gleich durch, bei den anderen beiden Optionen schieden sich die Geister. Lisanne weigerte sich rundheraus nochmal über den Castor zu gehen, Yak war der Zwillingsgletscher zu riskant. Ralle und ich schwankten zwischen ‘neuer Gipfel’ und ‘irre Gletscherabfahrt’ und entschlossen uns schliesslich zum Gletscher, weil Jörg meinte, er kenne den Weg und der Wirt sagte, dort seien schon Leute abgefahren. Hawkeye schloss sich uns an. Yak, Krümel und Uwe wollten auf den Pollux und Franzi und Climby kamen schliesslich auch mit.

Zuerst stiegen wir alle zum Felikjoch auf, wo das letzte steile Stück mit Steigeisen zurück gelegt werden musste. Oben herrschte wieder ein eisiger widerlicher Wind und wir befanden uns knapp unter der hohen Wolkendecke, die inzwischen das schöne Wetter von der Früh abgelöst hatte. Wir verabschiedeten uns voneinander, wobei wohl jede Gruppe glaubte, die bessere Wahl getroffen zu haben ;-)

Wir Gletscherabfahrer sahen die anderen langsam in den Nebel und Sturm vom Castor hineinsteigen, die Castor-Überschreiter sahen zu, wie wir uns langsam in den zerrissenen Gletscher hinein tasteten.

Der Weg durch den Gletscher war aufgrund der vorhandenen Spur nicht schwer zu finden, wir fuhren aber dennoch langsam und vorsichtig und verteilt ab. Jörg vorne weg, weil er die Spur kannte, danach Lisanne und Hawkeye, hintendran ich zum eventuellen Aufsammeln Gestürzter und zum Schluss der beste Allgäuer von Allen mit dem zweiten Seil für den Fall der Fälle.

Ohne die Spur hätten zumindest Ralle und ich niemals den komplizierten Weg durch die Spalten und Seracs gefunden (und wir wären das allein auch gar nicht angegangen). Mit der Spur und Jörgs Ortskenntnis erwies sich die Gletscherabfahrt als eine wirklich grossartige hochalpine Unternehmung :-)

Oben hielten wir uns meist rechts und fanden sogar ein paar richtig schöne Pulverschneehänge am Rand des Abbruchs (dass die zum Teil mit kleineren Eisbrocken durchsetzt waren, tat dem Spass an der Abfahrt keinen Abbruch), weiter unten ging es links rüber bis zur Mitte des Gletschers und es folgte eine Art wüster Skicross auf grad mal so aufgegangenem Firn durch und über Spalten und zwischen Seracs hindurch.

Klasse Sache, auch wenn einem hin und wieder dann doch ein wenig mulmig war, weil zwischendurch so gar nicht zu erkennen war, ob unter einem nun Schnee und Eis oder Schnee und Loch war. Man lernte das Rattern unter den Skiern, wenn man tatsächlich Eis unter sich hatte, mit der Zeit durchaus zu schätzen ;-)

Schliesslich landeten wir unten auf dem weiten flachen Grenzgletscher, wo wir erst mal eine kleine Pause machten und soviel Kleidung wie möglich ablegten. Vom Felikjoch hatten wir um die 2000 Höhenmeter zurückgelegt und zudem schien hier unten die Sonne. Entsprechend warm war es in dem weiten Tal unterhalb der Monte-Rosa-Hütte, eigentlich hätte man kurze Hosen gebraucht.

Entgegen unseren (Ralles und meinen) Erwartungen liess sich der gesamte lange Grenzgletscher ohne schieben zu müssen bis hinab zum Gletschertor abfahren, obwohl der Schnee weiter unten wirklich mehr als matschig war. Wir waren in Nullkommanix an der Klamm, wo wir die Ski abschnallen und ein paar Meter laufen mussten, wie uns Jörg ja bereits vorgewarnt hatte.

Zunächst trugen wir die Ski in der Hand ein Stück in die enge Schlucht hinein, als sich jedoch abzeichnete, dass der weitere Abstieg dann doch ein wenig umständlicher werden würde - die Klamm wurde eng und steil und es zeigte sich eine beunruhigende Menge fliessendes Wasser links des ‘Weges’, also des an den Randfelsen festgefrorenen (hoffentlich!) Restschnees - montierten wir die Ski wieder an den Rucksack. Hawkeye diesmal quer über den Rucksack statt senkrecht. Lisanne gab die Ski an Jörg ab.

Nach 2 Metern schmalem Randschnee ging es steil hinab über vereiste Felsen und Schneereste, begleitet von einem hübschen sprudelnden Wasserfall auf der linken Seite. Hawkeye beobachtete wie die Vorgängergruppe vorsichtig die Steilstelle hinab turnte und setzte dann ebenfalls zum Abstieg an. Wie es genau zuging ist schwer zusagen, aber vermutlich stiessen die quer montierten Ski an den Felsen rechts und brachten ihn aus dem Gleichgewicht als er versuchte, den ersten Schritt die 2 Meter hohe Steilestelle hinab zu machen.

Er rutschte ab, setzte zum Sprung an, fing sich beinahe auf dem kleinen Absatz in der Mitte, kippte dann aber nach vorn und stürzte beinahe kopfüber auf den zweiten Absatz, schaffte grad nochmal den Absprung, fiel unten auf die Knie und dann den Bauch und wäre um Haaresbreite kopfüber im Wasserfall gelandet, der direkt neben ihm unter dem nächsten Schneestück verschwand. Mit dem linken Arm im Wasser, einer verrutschten Sonnenbrille, einem heftig blutenden Schrammen auf der Wange und mit dem nackten Leben (was keine grosse Übertreibung ist, denn wäre er in den Wasserfall und unter den Schnee gefallen wäre, es ganz schön eng geworden) rappelte er sich unten auf dem schmalen Schneefeld wieder auf.

Ich stand direkt hinter ihm und konnte das Ganze nur wie gelähmt beobachten. Ich war heilfroh, als Hawkeye neben dem Wasserfall liegen blieb, denn ich wäre garantiert nicht schnell genug unten gewesen, um ihn unter dem Schnee rausziehen zu können und der Ralle, der das vermutlich geschafft hätte, wäre nicht schnell genug an mir vorbei gekommen.

Ich stieg vorsichtig nach unten, wo sich Hawkeye gerade wieder aufrappelte. Ausser der Schramme und einem ordentlichen Schrecken schien nichts passiert gewesen zu sein. Ich stieg gleich weiter, um Platz für die nächsten zu machen und fand mich gleich vor dem nächsten eisüberzogenen Felsen, den es abzusteigen galt. Nach dem ersten Schritt war kein Halt mehr zu finden, so dass mir keine Wahl blieb, als den verbleibenden knappen Meter Höhe mit einem Sprung zurück zu legen. Mit einem Sprung auf ein Schneefeld zwischen zwei Felsen, unter dem garantiert fröhlich Wasser sprudelte.

Nicht fein das, aber der Schnee hielt mich mit Rucksack und Skiern auf dem Rücken aus. Puh! Die Vorgängergruppe schien an dem grossen Felsen direkt vor mir abzuseilen. Ich sah auch gleich warum, denn die Schneebrücken über den Bach, die links am Felsen vorbei geführt hätten, waren inzwischen abgebrochen.

Wir kamen gerade an dem grossen Felsen an, als die andere Gruppe durch war. Zwischen Felsen und Felswand (wir befanden uns nach wie vor in der Engstelle der Klamm) war ein schmaler Spalt über dem ganz geschickt ein Ring zum Abseilen eingebohrt war. Um weiter zu kommen musste man etwa zweieinhalb Meter überwinden um auf einen steilen Schnehaufen an der Felswand zu gelangen, von dem man weitere 4 Meter in den Bachgrund absteigen konnte. Das Problem an der Sache: der Schneehaufen reichte nicht ganz in den Spalt zwischen Felsen und Wand hinein, da war ein 5 Meter tiefes Loch direkt unter uns.

Im Abseilring hing ein altes Seil, das leider am unteren Ende in den Schneehaufen gefroren war. Jörg hängte unser Seil in den Ring und fing an, uns abzulassen (selber abseilen wäre mir lieber gewesen, aber ich wollte nicht diskutieren, wir waren eh schon spät dran).

Ich stand vorn und war als erste dran. Die Ski am Rucksack waren in dem engen Spalt nicht ganz einfach zu handhaben, ich musste mich erst mal am Fels abgestützt um mich selber drehen, um überhaupt in den Spalt zu kommen. Dann war ich drin und verlor umgehend den Halt, weil mich der schwere Rucksack mit den Skiern dran so nach hinten zogen. Jög liess mich ab und ich sauste mit dem Rücken zuerst unaufhaltsam auf das Loch zwischen Wand und Fels und Schneehaufen zu.

Mit einer Herkuline würdigen Kraftanstrengung schaffte ich es, ein Bein in den Schnee zu stemmen und mich rückwärts robbend auf den Haufen zu retten. Boh, was ne Anstrengung! Die Anderen wurden der Reihe nach abgelassen und ich zog alle am Rucksack auf den rettenden Haufen. Dann kamen die Ski und wir schafften alles zum Bachgrund. Dr Felsen hiess “Woody’s Rock” konnten wir sehen, als wir unten standen.

Ab hier weitete sich die Klamm und der (weite!) Weg nach Zermatt war gut zu sehen. Während die Anderen sich alle wieder aufrödelten, ging ich schon mal weiter. Der Schnee war weich und ich brach ein paar Mal ein, daher suchte ich nach der besten Stelle, um die Ski wieder anzulegen.

Plötzlich ertönte über mir ein harter Knall wie ein Schuss und von hinten Ralles Schrei: “Stein! Renn!” Ein Blick nach oben und ich setzte an, in Höchstgeschwindigkeit zurück zu laufen, von oben flog ein Felsen von der Grösse eines kleinen Servers direkt auf mich zu. Aber der weiche Schnee gab sofort unter mir nach, ich brach ein und fiel um. Der Felsen über mir schlug irgendwo auf und zersprang in Tausend Fetzen, die alle rund um mich herum nieder gingen, ohne dass mich auch nur ein Splitter traf. Da hat mein Schutzengel wirklich ganze Arbeit geleistet! Der Ralle hatte tagelang Alpträume von der Szene.

In Windeseile verliessen wir die Klamm, wobei sich Ralle und ich aber die Zeit nahmen, die Ski anzulegen. Damit waren wir insgesamt schneller als die Anderen, die zu Fuss gingen und ständig einbrachen. Als es dann daran ging, nochmal den Bach zu queren, mussten auch die nochmal Ski anlegen, denn die Schneebrücken über den Bach waren zu instabil für Fussgänger. Nach wenigen Metern war dann aber erst mal Schluss mit Skifahren.

Der restliche Weg zurück nach Zermatt war nicht mehr schwierig oder gefährlich aber nervig, weil man mit Skistiefeln so schwer läuft. Wir erreichten die Pisten, fuhren wie vorgestern mit der Bahn nach Zermatt und stapften dann - weil der letzte Elektrobus bereits weg war - quer durch den Ort bis zur Bahnhofskneipe, wo es das wohlverdiente Bier und etwas zu Essen gab.

Unser (Ralle, Hawkeye und ich) Plan war eigentlich gewesen, noch am selben Tag zurück zu fahren, um dann den Sonntag gemütlich im Garten zu verbringen. Aber die Gletschertour hatte so lang gedauert, dass wir die Bahnverladung in Realp nur geschafft hätten, wenn wir ohne Pause losgedüst und abgefahren wären. Das war uns dann doch zu blöd und so übernachteten wir nochmal im Alpenblick, was uns ein gemütliches und ausnehmend reichhaltiges Abendessen im Hotel Dom und eine unangestrengte Heimfahrt bescherte.

Ein voller Erfolg die Wallis-Woche 2008, trotz des Wetters und der diversen beinahe-Katastrophen :-)

Von engel am 26.05.2008 21:08 • diaryurlaubwallis2008outdoorski

Mensch Frau Andi, da krieg ich ja vom Lesen schon ne Gänsehaut! Da habens wir hier echt gemütlich: wir werden nur grad vom Monsun mit Unmengen Sahara-Fracht heimgesucht! Und wegen besagtem Monsun kommen die Eltern morgen schon.

[1] Von Gabi am 27.05.2008 20:14

Ach, hier ‘unten’ ist es auch gemütlich, Gabi ;-) Das letzte (lange) Wochenende war auch ein bisserl ungemütlich, aber da waren wir ja wieder oben ...
Grüsse an Alle! Die Eltern sollen rechtzeitig Bescheid geben, wenn sie heimkommen, dann kaufen wir Unmengen Grillfleisch ein.

[2] Von engel am 27.05.2008 21:45
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