Da die Hütte brechend voll ist, ist das Frühstück ziemlich chaotisch. Die dringend nötige zweite Tasse Kaffee lässt sich wegen der langen Schlange an der Ausgabe nur schwer organisieren, die viel zu wenigen Toiletten sind ständig besetzt (ausnahmsweise ist das mal bei den Herren schlimmer als bei den Damen, die doch stark in der Unterzahl sind) und überall wuseln Leute durcheinander. Als wir schliesslich um etwa 5:30h gestiefelt und gespornt vor der Hütte auftauchen, sind nur noch 7 der 10 SAN-Leute vorhanden.

Von der Brittania-Hütte muss man erst mal knapp 100 Meter zum Hohlaubgletscher absteigen oder abfahren. In der Früh ist das, was Nachmittags patschnasser Sulz ist, zu bretthartem Eis gefroren. Nicht alle trauen sich das auf den Skiern zu. Berni und Christine sind schon zu Fuss zum Gletscher abgestiegen. Somit fehlt uns nur noch das Yak. Niemand weiss wo er ist, da er aber in der Hütte nicht zu finden ist, musste er wohl auch schon abgestiegen sein. Abgefahren sei er auf keinen Fall, da sind sich alle einig.

Ralle und ich fahren zum Gletscher ab, die anderen kämpfen sich zu Fuss oder mit Fellen unter den Skiern hinunter. Unten treffen wir auf Berni und Christine, von Yak weiterhin keine Spur. Lisanne versucht es mit SMS und Anrufen, doch der Mann hat offensichtlich das Handy abgeschaltet.
Wir fangen an, uns ernsthaft Sorgen zu machen. Ist er doch noch auf der Hütte? Allein weitergegangen ist er bestimmt nicht, da sind sich alle sicher, es kann also nur irgendwas furchtbar Dummes schief gegangen sein. Krümel und Uwe, die beiden Schnellsten, spurten zurück zur Hütte, wir queren unterdessen den Hohlaubgletscher und gehen bis zum Fuss des Hohlaubgrates. Auch dort kein Yak. Lisanne versucht es nochmal mit Telefonieren. Nix.
Als Krümel und Uwe zurück sind, setzten wir einen Notruf ab. Wer weiss schon, was da passiert ist. Wir haben vermutlich alle ungute Bilder von einem mit einer Kopfverletzung bewusstlos an einem Abhang liegenden Yak im Kopf. Und das ist noch die gute Variante. Die Dame vom SAC rät uns, die geplante Tour fortzusetzen, sie werde uns informieren sobald sie neue Informationen habe.

Für das Strahlhorn sind wir inzwischen zu spät dran, wir nehmen uns also das Fluchthorn vor. Für Ralle und mich ist das perfekt, denn so hat unsere ursprüngliche Planung mit dem nicht ganz so hohen Akklimatisations-Berg und den nachfolgenden 4000ern ausgesehen.
Wir nähern uns dem Berg erstaunlich langsam. In unserem 2er-Team bin ich bei Weitem die Schlechtere, langsamer, unfitter, schwächer, usw. Bei dieser Gruppe bewege ich mich im oberen Mittelfeld, also die Langsamste der schnelleren Hälfte. Das fühlt sich fein an und macht die Tour im unteren Bereich des Fluchthorns geradezu gemütlich.
Krümel und Uwe, die beide noch nie auf einem 4000er gestanden sind, tuscheln schon eine Weile und rücken dann damit raus, dass sie doch gern auf das Strahlhorn gehen würden. Sie bekommen ein Seil, wir behalten das andere, dann düsen die Zwei in einem Tempo ab, mit dem möglicherweise sogar der beste Allgäuer von Allen ein Problem bekommen hätte.
Wir anderen steigen langsam das Fluchthorn hinauf. Das ist ein ausnehmend schöner Berg, von unserer, der Nordseite aus, ist das Gelände sanft gewellt, kaum Spalten, alles ist glatt. Es steigt sich wunderbar, Ralle und ich immer vorneweg, die anderen hinterher. Erst hinter, dann neben und später vor uns sind 2 4er-Seilschaften, ähnlich schnell wie wir, aber gleichmässiger unterwegs.

Im oberen Teil, unterhalb des einzigen Gletscherabbruchs zieht der Ralle entlang des Bruchs eine sehr schöne steile Spur genau entlang des Bruchs, von der man wunderbar in die eisblaue Spalte schauen kann. Den anderen ist das zu steil und sie steigen die ‘Normalspur’ weiter. Ab da haben wir sie sozusagen abgehängt und steigen zu zweit dem Gipfel entgegen.
Ab dem oberen Ende der grossen Spalte, etwa 300 Höhenmeter unter dem Gipfel, fange ich an, die Höhe so richtig zu merken. Keine Luft mehr, keine Kraft mehr, saure Muskeln. Von ‘gemütlich’ kann keine Rede mehr sein und ich kämpfe mich nach oben, zu Trainingszwecken so schnell wie möglich, ohne Kraft sparen zu wollen, um so hoffentlich die Akklimatisation zu beschleunigen.
Kurz vor dem Gipfel gilt es noch ein von losem Pulver bedecktes Stück Blankeis zu überwinden, dann haben wir es geschafft. Oben!

Der Rest der Truppe folgt weit unter uns, was einen älteren Herrn aus einer der Seilschaften zu dem Kommentar veranlasst, dass die konditionell wohl ein wenig schwach seien. Wir sagen nichts dazu, sie schaffen es doch bis zum Gipfel!

Als wir alle nach den obligatorischen Gipfelfotos unseren Marschtee trinken, fahren die beiden Seilschaften bereits wieder ab. Ob es direkt mit deren Abfahrt zusammen hängt oder einfach nur ein dummer Zufall ist, ist schwer zu sagen, aber kurz nachdem die beiden Seilschaften weg sind, fällt ein Ski von Hawkeye um und saust, weil Skibremsenlos, geradeaus das Fluchthorn hinunter. Futsch!
Hawkeye nimmt das für meine Begriffe erstaunlich gelassen hin, ich wäre vermutlich erst mal in die Luft gegangen. Wir hoffen darauf, dass der Ski nicht in eine der Spalten gesaust ist sondern irgendwo hängen geblieben ist. Vermutlich aber wegen des sanften Geländes erst weit unten. Schöne Aussichten für Hawkeye, einbeinig Skifahren ist gemein schwierig und anstrengend.
Als wir dann aufbrechen, fahren der Ralle und ich mit Hawkeye die steile Flanke hinunter dem Ski nach, die anderen nehmen den sanfteren Weg aussen herum. Wir trauen unseren Augen kaum, als wir den Ski grad mal 150 Meter unter dem Gipfel finden. Er ist über eine Spalte gehüpft, hat sich überschlagen und ist dann liegen geblieben.
Der Rest der Abfahrt ist oben toll zu fahren (5cm Pulver auf hartem Firn) und unten zwar leicht fahrbar aber nervig, weil patschnass, manchmal hat man direkt das Gefühl kleben zu bleiben.
Als wir wieder Handy-Empfang haben, bekommt Lisanne eine SMS von Yak vom Strahlhorn-Gipfel. In einem Tonfall, der bei Allen die Nackenhaare aufstellt. Wir haben uns allesamt echte Sorgen gemacht und nun macht der Kerl sich darüber lustig. Wir sind sauer, insbesondere Lisanne, die ja die ganze Organisation am Hals hatte.
Wir bekommen heraus, dass gar keine Rettungsaktion angelaufen war (glücklicherweise!), die Bergwacht hatte, nachdem sie den Anruf mehrmals abgehört hatten, beschlossen, dass beim Abstieg von der Brittania nichts passieren kann, und dass Yak in der Unmenge Menschen ganz einfach verloren worden war. So war es ja auch.

Zum Abreagieren steht dann der anstrengendste Teil des Tages auf dem Programm: der Aufstieg zurück zur Hütte. Es ist unglaublich, wie anstrengend so ein paar popelige Höhenmeter sein können, wenn sie an der falschen Stelle liegen ;-)
Abends wird dann sehr geordnet (ich staune!) der Vorfall durchdiskutiert und Strategien zur Vermeidung solcher Situationen ersonnen. Im Prinzip: Immer alle informieren, niemals allein losgehen.
Da Yak, Uwe und Krümel ja nun schon auf dem Strahlhorn waren, nehmen sie sich vor, auf das Rimpfischhorn zu gehen. Wir schliessen uns an, ich mit ein wenig Bedenken, weil ich nicht sicher bin, mit dem fitten Teil der Mannschaft mithalten zu können. Die anderen wollen auf’s Strahlhorn, wo wir dann eben am nächsten Tag hochgehen wollen.